• Forum
  • Welche Blütenpflanze?

Anständige Spikes oder nur mehrbessere Runzeln: Vogelmiere (Stellaria-)Kleinarten

Muriel Bendel
Muriel Bendel 01.04.2026

Hinter der Vogelmiere Artengruppe (Stellaria media aggr.) verstecken sich (mindestens) 3 Kleinarten, die sich auf Grund der Samen und Blüten unterscheiden sollen. 

Die häufigste Kleinart, Stellaria media, ist nicht so schwierig zu finden - sie blüht aktuell praktisch an jeder Strassenecke und jedem Ackerrand. 

Stellaria neglecta ist deutlich weniger häufig (oder eventuell auch nur sehr häufig übersehen)... aber vielleicht bin ich heute per Zufall fündig geworden, an einem unverfänglichen Strassenrand bei Caslano (TI):

Die Samen besitzen deutliche Spikes (konische Höcker), was Stellaria media und Stellaria pallida ausschliesst (beide haben stumpfe Höcker oder eher breite Runzeln). Aber die anderen Merkmale wollen nicht so richtig passen. 

Bei Stellaria neglecta sollten die Kronblätter so lang oder etwas länger als die Kelchblätter sein und meist 10 Staubblätter umfassen. Beides finde ich nicht, egal wie ich die Pflanzen drehe und wende. Die Kronblätter sind kürzer als die Kelchblätter und Staubblätter hats höchstens 5.

Es gäbe noch ein anderes Taxon, das vielleicht in Frage kommt (bei Info Flora aber nicht aufgeführt wird): Stellaria ruderalis.
Literatur dazu beispielsweise hier:

Frank, D. & John, H. 2023: Man sieht nur, was man kennt. Unterscheidung zwischen Stellaria ruderalis und den anderen Arten der Stellaria-media-Gruppe. Mitt. florist. Kart. Sachsen-Anhalt. 28: 3–14
https://ojs.ub.uni-frankfurt.de/mfk/index.php/mfk/article/view/431/429   

Lepší, M. et al. 2019: Stellaria ruderalis, a new species in the Stellaria media group from central Europe. Preslia 91: 391–420
researchgate.net

Wer hat Erfahrung was die Unterscheidung der Stellaria-media-Taxa angeht? Bin ich irgendwo im Chruut usse gelandet?

Bin gespannt und freue mich auf alle Rückmeldungen :-) lieber Gruss, Muriel

Reife Samen mit deutlichen, kegelförmigen Höckern. Caslano (TI), 31.03.2026 (Muriel Bendel)
Reifende Samen weisslich bis hellbraun, stachelige Höcker bereits bestens ausgebildet. Caslano (TI), 31.03.2026 (Muriel Bendel)
31.03.2026 (Muriel Bendel)
Kronblätter kürzer als Kelchblätter. Caslano (TI), 31.03.2026 (Muriel Bendel)
Blüte mit 3 Staubblättern. Caslano (TI), 31.03.2026 (Muriel Bendel)
31.03.2026 (Muriel Bendel)
Reifende, nickende Kapsel. Caslano (TI), 31.03.2026 (Muriel Bendel)
31.03.2026 (Muriel Bendel)
Stängel 1-zeilig behaart. Caslano (TI), 31.03.2026 (Muriel Bendel)
31.03.2026 (Muriel Bendel)
Standort nicht wirklich speziell... Caslano (TI), 31.03.2026 (Muriel Bendel)

3 Antworten

Moin Muriel,

ich hatte damals für die Flora Germanica die Aufgabe, Stellaria ruderalis für Fotos aufzutreiben.  In dem ursprünglichen Papier stehen zwar eine Menge Merkmale zum Wuchs, Verzweigungen, Größenverhältnissen.  Es hat sich aber gezeigt, daß nur das Merkmal der Papillen auf dem Rücken(!) der Samen aussagekräftig ist.  Stellaria pallida=apetala und S. media fallen also weg.  An den Blütenbildern kann man auch S. neglecta eindeutig ausschließen (größere Blüten, (fast) vollständiger Staubblattsatz, andere Farbe der Staubbeutel, Waldpflanze).  Es bleibt also nur S. ruderalis, die gar nicht so selten ist.

Für die Unterscheidung von media und ruderalis braucht man unbedingt *reife*, ausgehärtete, gut ausgebildete Samen, denn auch bei ruderalis sind die Papillen am Rücken zuerst eher flach und abgerundet.  Sie verlängern sich dann noch.  Das ist im Feld oft ein Problem, weil die Pflanzen zwar über eine lange Zeit blühen, aber gleichzeitig nur wenige reife Früchte haben, aus denen die Samen ziemlich schnell ausfallen.  Das heißt, die meiste Zeit findet man keine reifen Samen oder verschüttet sie versehentlich.

Als erstes Indiz für eine Prüfung kann man die Größe der Pflanzen nehmen.  S. ruderalis ist tendenziell eher hochwüchsig.  Bei teppichartigen Kolonien habe ich noch keine ruderalis gesehen.  (Insgesamt beschränkt sich meine Kenntnis auf eine Handvoll Pflanzen.)

Dominik

Hoihoi Dominik

Super! Vielen Dank für die klare Rückmeldung! 

Dass Stellaria ruderalis nicht so selten ist glaub ich gerne. Frei nach der Publikation von Frank & John (2023): "Man sieht nur, was man kennt...".

Und dass Stellaria ruderalis an diesem definitiv ruderalen Standort nicht sehr hochwüchsig geraten ist, hat wohl mit der Nutzung des Strassenrandes zu tun: Vermutlich werden die Abfallsäcke der Nachbarschaft dort deponiert, bevor die Säcke von der Müllentsorgung abgeholt werden. Teppichartiges Wachstum ist da eher angesagt als in die Höhe schiessen. 

Bin gespannt, wo Stellaria ruderalis (oder eine der anderen Kleinarten) noch so zum Vorschein kommt. 

Lieber Gruss, Muriel

Auf eines geht der oben genannte Artikel kaum ein:  Die Farbe der ungeöffneten Staubbeutel.  Diese sind bei neglecta deutlich rot und bei media und apetala eher lila, wenn ich es richtig im Gedächtnis habe. Zu ruderalis steht im Papier nichts, aber auf einem der Fotos sehen die Staubbeutel eher lila aus.  Insofern erscheint mir die Unterscheidung von ruderalis und neglecta nicht so schwierig zu sein, wie es das Papier suggeriert.