Aus eigenen Fehlern lerne ich am meisten. Und aus meinen peinlichsten Fehlern am allermeisten (sofern ich sie überhaupt entdecke... was in vielen Fällen wohl gar nicht der Fall ist).
Ältere Beispiele für entdeckte Fehler: Das Felsen-Milchkraut (Leontodon saxatilis) für das Raue Milchkraut (Leontodon hispidus) gehalten, oder die Zottige Wicke (Vicia villosa) für die Vogel-Wicke (Vicia cracca).
Aktuellstes Beispiel: Dem Niederliegenden Glaskraut (Parietaria judaica) mitten in Bern im letzten Sommer ein Aufrechtes Glaskraut (Parietaria officinalis) angedichtet. Aufgefallen ist es mir erst jetzt, auf meinen Fotos, die ich mit Parietaria officinalis angeschrieben hab.
Nördlich der Alpen, im Sommer gegen 50 cm hoch, Stängel bogig aufsteigend bis aufrecht, am Rand eines Gebäudes... da hatte ich fälschlicherweise nur das Aufrechte Glaskraut (Parietaria officinalis) auf dem Radar.
Das Niederliegende Glaskraut (Parietaria judaica) hab ich v.a. im Tessin erwartet, in Mauerritzen wachsend, mehr oder weniger schön der Maueroberfläche angeschmiegt, deutlich kleiner als 50 cm (unten zwei Fotos als Vergleich).
Nach meinem Scheitern scheint mir das beste und einfachste Unterscheidungsmerkmal die Form der Blattspreite zu sein:
- Blattspreite relativ breit, vorne in eine kurze Spitze verschmälert: Niederliegendes Glaskraut (Parietaria judaica); Fotos hier: https://flora.lefnaer.com/cgi-bin/photosearch.pl?action=SPECIES;name=Parietaria%20judaica
- Blattspreite schmaler, vorne lang zugespitzt (= Blattspitze allmählich verschmälert): Aufrechtes Glaskraut (Parietaria officinalis); Fotos hier: https://flora.lefnaer.com/cgi-bin/photosearch.pl?action=SPECIES;name=Parietaria%20officinalis
Die Blüten- und Fruchtmerkmale sind zwar theoretisch toll (Hochblätter am Grund des Blütenstandes frei oder verwachsen; reife Früchte klein oder noch kleiner), aber eine Knobelei; ich muss mit einer Pinzette die Blüten abzupfen, um die Hochblätter beurteilen zu können (und auch dann nicht sicher, was ich genau sehe).
7 Antworten
Zugegeben ernüchternd war der Griff zur KI:
Mit anderen Worten: Mein eigenes Habitus-Bild für Parietaria judaica war schlicht falsch resp. nur einseitig mit Mauerblümchen gefüttert. KI hat offensichtlich bessere Bilder (und schert sich nicht um winzigste Hochblätter).
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AntwortenAufbauend nach meinem Glaskraut-Scheitern war die Meldung der FlorApp:
"Wunderbar! Diese Art ist in diesem Gebiet seit 1925 nicht mehr beobachtet worden." (An anderen Enden der Stadt Bern schon, aber in diesem Quadrat offensichtlich nicht).
Immerhin. Also genau 100 Jahre waren's her. Und im zweiten Anlauf auch richtig bestimmt.
Mit etwas Distanz deshalb ein Hoch auf alle entdeckten Fehler!
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AntwortenAls Vergleich noch ein Aufrechtes Glaskraut (Parietaria officinalis), Luftlinie 2 km vom Niederliegenden Glaskraut (Parietaria judaica) an einem halbschattigen Standort wachsend.
Die Parietaria officinalis Pflanzen waren bereits deutlich grösser, haben aber noch nicht geblüht.
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AntwortenWas sind eure Erfahrungen mit aufrecht wachsendem Niederliegendem Glaskraut (Parietaria judaica), v.a. nördlich der Alpen? Reicht die Form der Blattspreite (ab Frühsommer, die ersten Blätter sind noch etwas untypisch) für eine belastbare ID?
Oder habt ihr andere Tricks? Die 97% von PlantNet find ich sehr beeindruckend, zugegeben! Aber 100% wär noch ein bisschen besser und v.a. Kriterien für eine sichere Bestimmung.
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AntwortenVielleicht habe ich die Problemfälle einfach noch nicht gesehen, aber P. officinalis bildet doch einen einzelnen, aufrechten Trieb (mit großen Blättern) aus, P. judaica so ein stark verzweigtes Gewusel wie auf Deinem Foto.
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AntwortenLiebe Muriel
Du hast mich nun auch gerade etwas verunsichert, sodass ich die Fotos von zwei Funden von Parietaria judaica vom letzten Jahr nochmals durchsah. Beide Fundorte liegen in der Region Thun. Auch ich bestimmte die Art damals nur habituell – und bleibe dabei! Worauf ich achtete: Parietaria judaica ist meiner Erfahrung nach generell zierlicher, ist manchmal zwar schon niederliegend, meist aber bogig aufsteigend, ist stark verzweigt und hat einen rötlichen Stängel, an dem die etwas rundlichen Blättchen sitzen.
Parietaria officinalis ist tendenziell grösser, unverzweigt, mit einzelnen, kräftigen, aufrechten und grünen Stängeln. Anbei die Bilder dazu. Ich weiss nicht, wer den Beinamen „niederliegend“ zu Parietaria judaica erfunden hat (sogar im Tessin nennt man sie nicht so, sondern einfach “Vetriola minore”), aber als Unterscheidungsmerkmal taugt das nicht wirklich, wie man auch auf meinen Fotos zu dieser Art sieht. Oder um wieder mal den guten alten Hegi zu zitieren: “Stengel ausgebreitet, aufrecht, aufsteigend oder niederliegend, meist reichlich verzweigt, flaumig.” (Bd. III, S. 144)
Dazu kommt, dass natürlich auch die Lebensräume der beiden Arten nicht dieselben sind.
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AntwortenUnd da ich grad dabei bin, hier noch 2 Föteli von Parietaria officinalis aus dem Wallis. Wie gesagt, machte ich bei diesen beiden Arten bisher nur Habitus-Bestimmungen, da sie sich m.E. hinlänglich unterscheiden, was die KI offenbar auch so sieht:-)
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