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Dem Habitus auf den Leim gekrochen

Muriel Bendel
Muriel Bendel 24.04.2026

Aus eigenen Fehlern lerne ich am meisten. Und aus meinen peinlichsten Fehlern am allermeisten (sofern ich sie überhaupt entdecke... was in vielen Fällen wohl gar nicht der Fall ist). 

Ältere Beispiele für entdeckte Fehler: Das Felsen-Milchkraut (Leontodon saxatilis) für das Raue Milchkraut (Leontodon hispidus) gehalten, oder die Zottige Wicke (Vicia villosa) für die Vogel-Wicke (Vicia cracca)

Aktuellstes Beispiel: Dem Niederliegenden Glaskraut (Parietaria judaica) mitten in Bern im letzten Sommer ein Aufrechtes Glaskraut (Parietaria officinalis) angedichtet. Aufgefallen ist es mir erst jetzt, auf meinen Fotos, die ich mit Parietaria officinalis angeschrieben hab.

Nördlich der Alpen, im Sommer gegen 50 cm hoch, Stängel bogig aufsteigend bis aufrecht, am Rand eines Gebäudes... da hatte ich fälschlicherweise nur das Aufrechte Glaskraut (Parietaria officinalis) auf dem Radar.

Das Niederliegende Glaskraut (Parietaria judaica) hab ich v.a. im Tessin erwartet, in Mauerritzen wachsend, mehr oder weniger schön der Maueroberfläche angeschmiegt, deutlich kleiner als 50 cm (unten zwei Fotos als Vergleich).

Nach meinem Scheitern scheint mir das beste und einfachste Unterscheidungsmerkmal die Form der Blattspreite zu sein:


Die Blüten- und Fruchtmerkmale sind zwar theoretisch toll (Hochblätter am Grund des Blütenstandes frei oder verwachsen; reife Früchte klein oder noch kleiner), aber eine Knobelei; ich muss mit einer Pinzette die Blüten abzupfen, um die Hochblätter beurteilen zu können (und auch dann nicht sicher, was ich genau sehe).

Nicht so niederliegend wie es der Name vermuten lässt: Niederliegendes Glaskraut (Parietaria judaica) in Bern, letzten Sommer. 16.06.2025 (Muriel Bendel)
Gleicher Standort... 16.06.2025 (Muriel Bendel)
... die Pflanzen sind munter gewachsen und wurden Ende Sommer ratzeputz gejättet. Bern (BE), 16.06.2025 (Muriel Bendel)
Blütenknäuel. Bern (BE), 16.06.2025 (Muriel Bendel)
Die Pflanzen sind hartnäckig und v.a. mehrjährig - und dieses Jahr bereits am weiterwachsen. Bern (BE), 15.04.2026 (Muriel Bendel)
Bern (BE), 15.04.2026 (Muriel Bendel)
Mitte April bereits am Blühen. Bern (BE), 15.04.2026 (Muriel Bendel)
Blüten ausgezupft; übrig bleiben die am Grund miteinander verwachsenen Hochblätter. Bern (BE), 15.04.2026 (Muriel Bendel)

7 Réponses

Zugegeben ernüchternd war der Griff zur KI:

  • FlorApp meldete für den Berner Fund 80% Parietaria judaica, 15% Parietaria officinalis
  • iNaturalist.org: 1. Vorschlag Parietaria judaica, 2. Amaranthus blitum, 3. Parietaria officinalis
  • PlantNet: 97% Parietaria judaica, 1% Parietaria officinalis, 1% Amaranthus graecizans

Mit anderen Worten: Mein eigenes Habitus-Bild für Parietaria judaica war schlicht falsch resp. nur einseitig mit Mauerblümchen gefüttert. KI hat offensichtlich bessere Bilder (und schert sich nicht um winzigste Hochblätter).

Das Niederliegende Glaskraut (Parietaria judaica) hab ich so erwartet: In Mauerritzen wachsend wie hier im Tessin bei Gandria (TI), 12.05.2017 (Muriel Bendel)
... oder in Ronco s. Ascona (TI), 07.11.2022 (Muriel Bendel)

Aufbauend nach meinem Glaskraut-Scheitern war die Meldung der FlorApp:

"Wunderbar! Diese Art ist in diesem Gebiet seit 1925 nicht mehr beobachtet worden." (An anderen Enden der Stadt Bern schon, aber in diesem Quadrat offensichtlich nicht).

Immerhin. Also genau 100 Jahre waren's her. Und im zweiten Anlauf auch richtig bestimmt. 

Mit etwas Distanz deshalb ein Hoch auf alle entdeckten Fehler!

Als Vergleich noch ein Aufrechtes Glaskraut (Parietaria officinalis), Luftlinie 2 km vom Niederliegenden Glaskraut (Parietaria judaica) an einem halbschattigen Standort wachsend.
Die Parietaria officinalis Pflanzen waren bereits deutlich grösser, haben aber noch nicht geblüht.

Links Parietaria officinalis (Pflanzen noch nicht blühend); rechts Parietaria judaica (Pflanzen bereits blühend). Beide in Bern (BE), am 15.04.2026 (Muriel Bendel)
Diesjährige Sprosse des Aufrechten Glaskrauts (Parietaria officinalis); Standort halbschattig. Bern (BE), 15.04.2026 (Muriel Bendel)

Was sind eure Erfahrungen mit aufrecht wachsendem Niederliegendem Glaskraut (Parietaria judaica), v.a. nördlich der Alpen? Reicht die Form der Blattspreite (ab Frühsommer, die ersten Blätter sind noch etwas untypisch) für eine belastbare ID?

Oder habt ihr andere Tricks? Die 97% von PlantNet find ich sehr beeindruckend, zugegeben! Aber 100% wär noch ein bisschen besser und v.a. Kriterien für eine sichere Bestimmung.

Vielleicht habe ich die Problemfälle einfach noch nicht gesehen, aber P. officinalis bildet doch einen einzelnen, aufrechten Trieb (mit großen Blättern) aus, P. judaica so ein stark verzweigtes Gewusel wie auf Deinem Foto.

Liebe Muriel

Da hast du mich nun auch grad etwas verunsichert, sodass ich die Fotos von zwei Funden von Parietaria judaica vom letzten Jahr nochmals durchsah. Beide Fundorte liegen in der Region Thun. Auch ich bestimmte die Art damals nur habituell – und bleibe dabei! Worauf ich achtete: Parietaria judaica ist meiner Erfahrung nach generell zierlicher, ist manchmal zwar schon niederliegend, meist aber bogig aufsteigend, ist stark verzweigt und hat einen rötlichen Stängel, an dem die etwas rundlichen Blättchen sitzen.
Parietaria officinalis ist in allen Teilen grösser, unverzweigt, mit einzelnen, kräftigen, aufrechten und grünen Stängeln. Anbei die Bilder dazu. Ich weiss nicht, wer den Beinamen „niederliegend“ zu Parietaria judaica erfunden hat (sogar im Tessin nennt man sie nicht so, sondern einfach “Vetriola minore”), aber als Unterscheidungsmerkmal taugt das nicht wirklich, wie man auch auf meinen Fotos zu dieser Art sieht. Oder um wieder mal den guten alten Hegi zu zitieren betr. Parietaria judaica: “Stengel ausgebreitet, aufrecht, aufsteigend oder niederliegend, meist reichlich verzweigt, flaumig.” (Bd. III, S. 144)

Dazu kommt, dass natürlich auch die Lebensräume der beiden Arten unterschiedlich sind.

Parietaria judaica aus Gerümpel am Strassenrand hervorwachsend. Unterlangenegg (BE), 22.8.2025 (Blumenwanderer)
Parietaria judaica: Stängel aufsteigend. Unterlangenegg (BE), 22.8.2025 (Blumenwanderer)
Parietaria judaica: Stängel etwas rötlich. Unterlangenegg (BE), 22.8.2025 (Blumenwanderer)
Parietaria judaica: Stängel stark verzweigt. Unterlangenegg (BE), 22.8.2025 (Blumenwanderer)
Parietaria judaica neben einer Baustelle wachsend. Thun (BE), 29.08.2025 (Blumenwanderer)
Parietaria judaica: Stängel aufrecht, z.T. abgemäht. Thun (BE), 29.08.2025 (Blumenwanderer)
Parietaria judaica: neben Bordstein emporwachsend. Thun (BE), 29.08.2025 (Blumenwanderer)

Und da ich grad dabei bin, hier noch 2 Föteli von Parietaria officinalis aus dem Wallis. Wie gesagt, machte ich bei diesen beiden Arten bisher nur Habitus-Bestimmungen, da sie sich m.E. hinlänglich unterscheiden, was die KI offenbar auch so sieht:-)

Parietaria officinalis: einzelne, aufrechte Stängel von grüner Farbe. Gampel-Bratsch (VS), 15.05.2022 (Blumenwanderer)
Parietaria officinalis: von kräftigem Wuchs an eher schattiger Stelle. Gampel-Bratsch (VS), 15.05.2022 (Blumenwanderer)