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Pick the low hanging flowers: Zihlkanal / Canal de la Thielle (NE)

Muriel Bendel
Muriel Bendel 10.03.2026

Perfekt mit öV erreichbar (Haltestelle Zihlbrücke), kurzer Weg Richtung Südwesten zum Neuenburgersee, keine Höhenmeter – und Arten in Griffnähe, die sonst oft in luftiger Höhe blühen:
Auf dem in den Neuenburgersee führenden Abschnitt des Zihlkanals / Canal de la Thielle (NE) gibts u.a. weibliche und männliche Pflanzen der Weissen Mistel (Viscum album) auf Augenhöhe zu bestaunen.

Die Weisse Mistel (Viscum album) wächst hier v.a. auf der Silber-Weide (Salix alba), parasitiert aber auch auf der Sommer-Linde (Tilia platyphyllos), der Gemeinen Esche (Fraxinus excelsior) und Schwarz-Erle (Alnus glutinosa).

Zihlkanal, Neuenburgersee. Die meisten Weissen Misteln (Viscum album) wachsen weit oben – ein paar gibts aber auf Augenhöhe zu bestaunen. 27.02.2026 (Muriel Bendel)
Weibliche Blüte der Weissen Mistel (Viscum album). Zihlkanal (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Männliche Pflanze der Weissen Mistel (Viscum album). Zihlkanal (NE), 23.02.2026 (Muriel Bendel)

9 Antworten

Ebenfalls direkt am Kanal, mit mindestens einem halben Fuss im Wasser: Berg-Ulmen (Ulmus glabra) mit kugeligen, dichten Blütenständen und rosa Narben (bei der Feld-Ulme Ulmus minor sind die Narben zur Blütezeit meist weiss oder hell rosa).

Berg-Ulme (Ulmus glabra) mit kugeligen Blütenknospen und kleineren, eiförmigen Blattknospen. Zihlkanal (NE), 27.02.2026 (Muriel Bendel)
Sich öffnende Blütenknospen der Berg-Ulme (Ulmus glabra), die Blattknospen treiben deutlich später aus. Zihlkanal (NE), 27.02.2026 (Muriel Bendel)
Die ersten rosaroten Narben gucken bereits raus. Zihlkanal (NE), 27.02.2026 (Muriel Bendel)
Ein paar Tage später - und die meisten Blüten sind bereits geöffnet. Zihlkanal (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Die zwittrigen Blüten der Berg-Ulme (Ulmus glabra) sind in dichten, kugeligen Köpfchen vereinigt. Zihlkanal (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Typische Blattknospe der Berg-Ulme (Ulmus glabra): Schräg über der Blattstielnarbe stehend und mit bräunlichen Haaren bedeckt. Zihlkanal (NE), 23.02.2026 (Muriel Bendel)
Anfang März in Vollblüte; die Blattknospen treiben deutlich nach den Blütenknospen aus. Zihlkanal (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Bei den weiblichen Blüten der Schwarz-Erle (Alnus glutinosa) sind die Narben leuchtend rosa. Zihlkanal (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Einhäusigkeit wie aus dem Bilderbuch: Männliche und weibliche Blüten getrennt, aber auf derselben Pflanze. Zihlkanal (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Männliche Blüten in langen, gelblichen Kätzchen angeordnet; letztjährige Zäpfchen (rechts) deutlich gestielt. Schwarz-Erle (Alnus glutinosa) am Zihlkanal (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)

Eine gute Ergänzung zum Zihlkanal: Vom Château de Valangin (NE) oberhalb von Neuenburg (mit Hirschheil Seseli libanotis rund ums Schloss) durch die Gorges du Seyon mit zurzeit blühenden Gewöhnlichen Eiben (Taxus baccata) bis Vauseyon oder Neuenburg. 

Bis spätestens im Herbst gibts aus den "low hanging flowers" dann die "low hanging fruits" ;-)

D.h. zu praktisch jeder Jahreszeit ein lohnender Ausflug resp. zwei unkomplizierte kurze Streifzüge.

Hirschheil (Seseli libanotis) in den Schlossmauern des Château de Valangin (NE). Die Pflanzen sind meist zweijährig und sterben nach der Fruchtreife ab. Valangin (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Die Fiedern 1. Ordnung sind sitzend → die innersten Fiederchen (Fiedern 2. Ordnung) bilden an der Blattspindel deshalb ein «Kreuz». Valangin (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Bei dieser männlichen Blüte der Gewöhnlichen Eibe (Taxus baccata) sind die Staubbeutel noch geschlossen. Gorges du Seyon (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Noch geschlossene, kugelige, männliche Blüten der Gewöhnlichen Eibe (Taxus baccata). Gorges du Seyon (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Plötzlich gehts schnell :-) Zwei offene, männliche Blüten, die Pollenkörner wurden vom Wind bereits weggetragen. Gorges du Seyon (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)
Die weiblichen Blüten der zweihäusigen Gewöhlichen Eibe (Taxus baccata) sind sehr unscheinbar, ... 05.03.2026 (Muriel Bendel)
... und meist gut auf der Zweigunterseite versteckt. Gorges du Seyon (NE), 05.03.2026 (Muriel Bendel)

Apropos Narben-Farbe bei der Berg-Ulme (Ulmus glabra) und Feld-Ulme (Ulmus minor):

Das Merkmal stammt aus der Flora Gallica – Flore de France (Tison & de Foucault 2014) und wird wörtlich im Ulmus-Schlüssel so beschrieben

  • Ulmus glabra: «stigmates rouges à l’anthèse»
  • Ulmus minor: «stigmates généralement blancs à l’anthèse» 

Das «généralement» lässt zum Glück einen gewissen Spielraum. Bei der Berg-Ulme (Ulmus glabra) scheint das «rouges» bisher zu stimmen (Foto oben) – und bei der Feld-Ulme (Ulmus minor) klappts mit «généralement blancs» auch. 

Unten ein paar ergänzende Fotos von aufblühenden Feld-Ulmen (Ulmus minor). Jedenfalls würd ich sie so benennen... ich bewege mich hier etwas auf dünnem Eis, weil die beiden Arten offenbar hybridisieren können…

Bin froh um eure Ulmus-Ergänzungen und ggf. auch um eure Korrekturen!

Blühende Feld-Ulme (Ulmus minor) mit typischen Korkleisten. Waldrand bei Laupen (BE), 09.03.2026 (Muriel Bendel)
Feld-Ulme (Ulmus minor) mit meist weisslichen bis hellrosa Narben. Laupen (BE), 09.03.2026 (Muriel Bendel)
Blühende Feld-Ulme (Ulmus minor), einige Zweige mit Korkleisten. Laupen (BE), 09.03.2026 (Muriel Bendel)

Spricht für die Feld-Ulme (Ulmus minor): Korkleisten und weisse Narben. 

Ich tippe auf eine Feld-Ulme (Ulmus minor): Korkleisten ... Ostermundigen (BE), 02.03.2026 (Muriel Bendel)
... und weisse Narben. Ostermundigen (BE), 02.03.2026 (Muriel Bendel)

Vielen Dank, Muriel, für die sehr genaue und schöne Dokumentation! Bei der weibl. Blüte von Viscum album ist mir noch nicht alles klar. Was sieht man hier eigentlich? 

Klar, ganz oben befinden sich die vier gelben Perigonzipfel, in deren Mitte die Narbe sichtbar ist. Ich nehme mal an, dass der grünliche Zylinder darunter der unterständige Fruchtknoten ist, der die Samenanlagen enthält und dass links und rechts schuppenartige grüne Hochblätter zu sehen sind. Die grosse gelbe Schuppe in der Mitte kann ich hingegen nicht identifizieren. Im Wiki-Porträt von Viscum album bringst du ja weitere gute Fotos davon, auch aus einem anderen Blickwinkel. Es macht den Anschein, dass das Teil rundum verwachsen ist. Seitlich stossen da auch weitere Blüten daraus hervor.

Kann es sein, dass dies die Blütenachse ist, in welche die weibl. Blüten eingesenkt sind? Hegi erwähnt (Ill. Flora von Mitteleuropa Bd. III, S. 146), dass die Blütenachse an der Fruchtbildung auch beteiligt sei, weshalb es sich bei der Frucht um eine Scheinbeere und keine Beere handle. Dann würde sich dieser gelbe Mittelteil später zusammen mit dem Fruchtknoten zur weissen Frucht aufblähen (?)

Aber gehe ich recht mit meinen Überlegungen (ich bezweifle es), oder gibt es hierzu bessere Erkenntnisse zur Fruktifikation?

Ja, ich nehme an, dass sich aus dem dunkelgrünen, zylindrischen Gebilde unterhalb der Narbe und der Perigonblätter die Frucht entwickeln wird. Ich werde den Pflanzen mal wieder einen Besuch abstatten und hier Fotos ergänzen. Pressieren tuts nicht, die Früchte nehmen sich etliche Monate Zeit, bis sie gegen Ende Jahr reif sein werden. Bei den gelblichen Strukturen denke ich mal etwas undifferenziert an "Hochblätter", die mit der Fruchtentwicklung nichts zu tun haben. 

Bei der "Schein-Beere" gibts offensichtlich verschiedene Ansichten:
Im "Strasburger, Lehrbuch der Pflanzenwissenschaften, 37. Auflage, 2014) steht konkret
"... die Periantblätter sind mit den Staubblättern bzw. Fruchtknoten und Samenanlagen verwachsen: (P4 A4) bzw. (P4 G(2))".
Bei den Blütenformeln kennzeichnen die Klammern, was mit was verwachsen ist.
P = Perigon, A = Androeceum/Staubblätter, G = Gynoeceum/Fruchtknoten. 

Nach dieser Interpretation wird der Fruchtknoten mit den Perigonblättern verwachsen - und schon haben die Perigonblätter bei der Fruchtbildung die Hände mit im Spiel und aus Sein wird zumindest ein bisschen Schein. 

Ob es nun tatsächlich die Perigonblätter sind oder doch der Fruchtknoten unterständig und deshalb vom Achsengewebe umfasst wird weiss ich nicht...

Eine sehr detaillierte Auslegeordnung mit zahlreichen, farbenfrohen Mistel-Querschnitten (auch durch die Schein-Beere, "pseudo berry", mit Endo-, Meso- und Exokarp) bietet diese Publikation:

de Almeida, V.P. et al. 2023: Investigations on the morpho-anatomy and histochemistry of the European mistletoe: Viscum album L. subsp. album. Scientific Reports 13, 4604
https://doi.org/10.1038/s41598-023-29799-z
https://www.nature.com/articles/s41598-023-29799-z  (open access)

Die Eiben, die sich in Baden-Württemberg überall ausbreiten sind übrigens durchweg die Hybride Taxus x media, bis auf die natürlichen Vorkommen auf der Schwäbischen Alb.  Wie es in der Schweiz aussieht, entzieht sich meiner Kenntnis, aber mindestens in Siedlingen dürfte sie Situation ähnlich sein.  Ohne die beiden Taxa wirklich unterscheiden zu können, meine ich, daß die Nadelform zur Hybriden paßt.  Vergleiche den Schlüssen in Flora-De:

https://blumeninschwaben.de/Hauptgruppen/taxus.htm

Dominik

Liebe Muriel

Oh, das wäre spannend, falls du die weitere Entwicklung dieser weiblichen Blüte von Viscum album zur Frucht dokumentieren könntest! Die Entstehung und Reifung der Beere folgt ja einem ungewöhnlich langsamen Rhythmus, der insgesamt an die neun Monate in Anspruch nimmt, bis sie dann den Vögeln als willkommene Winternahrung dient.
In der Literatur findet sich ja immer wieder diese Angabe, dass das Ergebnis des Reifeprozesses keine echte Beere, sondern eine „Scheinbeere“ sei, mit der Begründung, dass sie nicht allein aus dem Fruchtknoten hervorgehe, denn das weiche Gewebe, das den Samen umhüllt, entstehe auch unter Einbeziehung der Blütenachse. Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie da aus Sein Schein wird;-)
Auch der Same ist besonders, da es kein reiner Same ist, sondern bereits ein “Embryo”, der Chlorophyll enthält und sofort nach dem Kontakt mit Licht zu keimen beginnt, sobald er auf einem Wirtsast landet.