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Frosttrocknis beim Schriftfarn (Asplenium ceterach)

Muriel Bendel
Muriel Bendel 06.01.2026

Der Schriftfarn (Asplenium ceterach / Ceterach officinarum) ist extrem trockenresistent und rollt seine auf der Unterseite dicht schuppigen Wedel während Dürrezeiten kurzerhand noch oben ein, sodass von der dunkelgrünen Oberseite kaum etwas zu sehen ist. 

Wirklich trocken ist es nicht nur im Sommer, sondern auch jetzt mitten im Winter, wenn der Boden gefroren ist und den Pflanzen deshalb kein Wasser zur Verfügung steht. Bei "Frosttrocknis" im Winter steht der Schriftfarn vor demselben Problem wie während Trockenzeiten im Sommer – und löst es zumindest "von aussen" gesehen gleich: Wedel einrollen und auf bessere Zeiten warten. 

In den letzten Tagen blieben die Temperaturen in der Bielersee-Region auch am Tag unter Null, entsprechend sind zumindest in exponierteren Lagen die obersten Bodenschichten gefroren. Heute Morgen erreichte die Lufttemperatur rund minus 5 °C und die meisten Schriftfarn-Pflanzen bei Ligerz (BE) befanden sich im Frosttrocknis-Modus. An exponierten Standorten waren fast alle Wedel nach oben eingerollt, an leicht geschützten Standorten war ein Teil der Wedel (an der Wedelspitze beginnend) eingerollt; nur wenige Pflanzen hatten ausgebreitete Wedel und waren offensichtlich (noch) nicht von Frosttrocknis betroffen.

Frosttrocknis bei –3.9 °C Lufttemperatur; die meisten Wedel von Asplenium ceterach sind zur Oberseite eingerollt. Ligerz (BE), 06.01.2026 (Muriel Bendel)
An exponierten Standorten scheint der Boden gefroren, den Pflanzen steht kein Wasser zur Verfügung. Ligerz (BE), 06.01.2026 (Muriel Bendel)
Bei -5°C Lufttemperatur ist ein Teil der Wedel eingerollt. Ligerz (BE), 06.01.2026 (Muriel Bendel)
Bei Trockenheit rollen sich die Abschnitte von der Wedelspitze her ein. Ligerz (BE), 06.01.2026 (Muriel Bendel)
Sich einrollende Wedel. Ligerz (BE), 06.01.2026 (Muriel Bendel)
Macht einen recht munteren Eindruck, trotz Lufttemperatur unter Null. Ligerz (BE), 06.01.2026 (Muriel Bendel)
Die weissen Blattränder sind keine Eiskristalle, sondern weisse Spreuschuppen. Ligerz (BE), 06.01.2026 (Muriel Bendel)

8 Réponses

PS.

E. Rouschal hat bereits 1938 Austrocknungsversuche mit dem Schriftfarn (Asplenium ceterach) angestellt und seine Funde u.a. so beschrieben:

"Fassen wir die Ergebnisse dieser Versuche zusammen, so können wir Ceterach unbedingt zu den austrocknungsfähigsten Pflanzen rechnen. Sicher ist, dass es ohne Schaden bis 98 % seines Wassers verlieren kann, wahrscheinlich, dass bei genügender Vorsicht auch noch mehr Wasser entzogen werden konnte, ohne dass die Protoplaste abgetötet werden."

Rouschal, E. 1938: Eine physiologische Studie an Ceterach officinarum Willd. Flora oder Allgemeine Botanische Zeitung. 132(3): 305–318.
pdf

PPS.

Minus 5°C Lufttemperatur ist für den Schriftfarn vermutlich nur halb so wild...
Bennert (1999) erwähnt die Publikation von Kappen (1964), der beschreibt, dass die Art "Temperaturen von bis zu –21 °C" ertragen kann. 

Bennert, H. W. (1999): Die seltenen und gefährdeten Farnpflanzen Deutschlands: Biologie, Verbreitung, Schutz. Unter Mitarbeit von K. Horn, J. Benemann, T. Heiser. Herausgeber: Bundesamt für Naturschutz

Kappen, L. (1964): Untersuchungen über den Jahresverlauf der Frost-, Hitze- und Austrocknungsresistenz von Sporophyten einheimischer Polypodiaceen (Filicinae). Flora oder Allgemeine Botanische Zeitung. 155: 123–166

Da kommt mir grad die Unechte Rose von Jericho in den Sinn (Selaginella lepidophylla), ein Moosfarn, der auch völlig austrocknen kann, wobei er sich kugelartig zusammenzieht. Und um das Ganze in einen grösseren Zusammenhang zu rücken: Sowohl er wie auch Ceterach gehören zu den sog. wechselfeuchten oder poikilohydren Pflanzen, die eine Anpassung an extreme Trockenheit aufweisen. Hierfür werden auch Fachbegriffe wie Anabiosis oder Kryptobiosis genannt. Nach Wässerung nimmt die Unechte Rose von Jericho ihre ursprüngliche, ausgebreitete Form wieder an. Diese Bewegung ist durch hygroskopische Aufnahme von Wasser (Quellung) bedingt, ist also rein physikalisch und passiv. Sie kann dann unmittelbar ihren Stoffwechsel wieder aufnehmen und assimiliert nach 24 Stunden wieder!

Pflanzenportraet_Selaginella_lepidophylla

Auch unter den Blütenpflanzen gibt es einige wenige, die das können und somit zu den poikilohydren Arten zählen. Ich der Schweiz kommt davon gar nur eine einzige Art vor: Es ist der Pyrenäen-Felsenteller (Ramonda myconi). Dazu gibt es eine spannende Studie betr. die physiologischen Zusammenhänge:

MARKOVSKA/TSONEV/KIMENOV/TUTEKOVA (1994): Physiological Changes in Higher Poikilohydric Plants - Haberlea Rhodopensis Friv. and Ramonda Serbica pan;. during Drought and Rewatering at Different Light Regimes.

Journal of Plant Physiology 144(1): 100–108   researchgate.net

Ein Thermometer mit persölicher Meinung zur Temperatur …

Unter wieviel Prozent Luftfeuchte zeigt das den “Lo %” aun?

Persönliche Meinungen gab es an diesem Morgen sogar mehrere: Nach Meteoschweiz war es in Ligerz -10 °C kalt.
Der Postautofahrer meinte -3 °C (mein klassisches Thermometer aus der Landi teilte seine Meinung, Foto unten).
Meine private Meinung war simpel und undifferenziert: viel zu kalt.

Lufttemperatur ca. -3°C, Trockensteinmauer mit Sedum album, Asplenium ruta-muraria - und Schriftfarn (Asplenium ceterach) rund 10 cm vom Thermometer entfernt. Ligerz (BE), 06.01.2026 (Muriel Bendel)

Unter wieviel Prozent Luftfeuchte zeigt das den “Lo %” aun?

Das Manual verrät dazu
Humidity measurement range: 10%~99%RH
Humidity measurement accuracy: ±5%RH
und:
Temperature measurement range: -10℃~+50℃
Temperature measurement accuracy: ±1℃

Ob die Luft tatsächlich so trocken war (< ca. 10% und deshalb Lo% angezeigt wurde), oder ob das simple Messgerät bei der Luftfeuchte einfach streikte weiss ich nicht.

Mein Ansatz war reine Neugierde, weil ich den Asplenium ceterach im Winter bei Temperaturen unter Null noch nie mit eingerollten Wedeln erwischt hab, sondern immer mit vollständig ausgerollten. Vermutlich war der Boden bisher nie richtig gefroren und die Pflanzen hatten deshalb keinen Trockenstress (sondern “nur” Lufttemperaturen unter Null um die Ohren resp. Wedel).

Selbstverständlich wäre eine Aufnahmereihe toll: Die gleichen Farne bei unterschiedlichen Temperaturen (Boden, Luft) und relativer Luftfeuchtigkeit. Gerne unter natürlichen Bedingungen. Gerne das Mikroklima so gut wie möglich erfassen. Aber das übersteigt meine Möglichkeiten bei Weitem – und zugegeben in diesem Fall auch meine Ambitionen.

Deshalb: Neugierde ja, Anspruch auf eine pseudowissenschaftliche Untersuchung nein. Sonst dürfe ich nicht mit einem billigen Messgerät ausrücken (geschweige denn etwas dazu schreiben).

Und vielleicht gibts ja eine solche Studie zu Asplenium ceterach bereits und ich hab sie einfach nicht gefunden?
Falls ihr was kennt dazu, sehr gerne ergänzen :-)

Und damit wir beim Thema Frosttrocknis vom gleichen reden resp. schreiben, folgend ein paar Definitionen, aus verlässlichen Quellen:

Fischer et al. (2008) definieren "Frosttrocknis" in der Exkursionsflora für AT so:
"lebensbedrohender Feuchtigkeitsmangel der Pflanze infolge gefrorenen u. daher nicht verfügbaren Bodenwassers".

Im "Strasburger, Lehrbuch der Pflanzenwissenschaften" (37. Auflage) steht u.a.
"Bei Temperaturen <–1°C gefriert das Haftwasser im Boden, sodass keine Wasseraufnahme mehr möglich ist (Frosttrocknis, die Folgen werden oft fälschlich als Erfrieren gedeutet)."

Und bei Pott & Hüppe (Spezielle Geobotanik, 2007) steht beim Thema Frosttrocknis u.a.
"Der Wasserverbrauch der Pflanzen ist auch im Winter nicht ganz eingestellt. Ein Wassernachschub ist infolge des eingefrorenen Wurzelwerkes aber nicht mehr möglich, und daher kommt es zu Trockenschäden an den oberirdischen Pflanzenteilen oder im schlimmsten Falle sogar zum Vertrocknungstod. Besonders gefährdet sind die Pflanzen, wenn sonnige Witterung und zugleich gefrorener Boden vorherrschen. Die oberirdischen Pflanzenteile weisen dann starke Übertemperaturen auf, weshalb Photosynthese und Transpiration oft schon früh, manchmal zu früh, einsetzen."