Gemäss Flora Helvetica ist die Pflanze kahl. Ich finde immer wieder Individuen, die leicht bewimpert sind (vgl. Bilder 1 und 2). Bestimmungsfehler, natürliche Variabilität oder Erbsenzählerei? Danke für einen kurzen Hinweis.
Gemäss Flora Helvetica ist die Pflanze kahl. Ich finde immer wieder Individuen, die leicht bewimpert sind (vgl. Bilder 1 und 2). Bestimmungsfehler, natürliche Variabilität oder Erbsenzählerei? Danke für einen kurzen Hinweis.
7 Risposte
Herzlichen Dank, Thomas, für deine genaue Beobachtung und die tollen Fotos!
Ich denke "kahl" wird vielen, aber nicht allen Populationen gerecht. Wenn ich meine Schnappschüsse der Berg-Platterbse (Lathyrus linifolius) anschaue, scheinen einige Pflanzen tatsächlich kahl zu sein, andere haben aber deutlich bewimperte Nebenblätter, Fiedern und Stängel.
Unten ein Foto einer behaarten resp. bewimperten Berg-Platterbse (Lathyrus linifolius) aus La Sarraz (VD); immerhin am 20. Mai 2022, d.h. die Härchen scheinen hartnäckig zu sein und nicht direkt nach dem Spriessen im Frühling abzufallen. Die Beschreibung "bald verkahlend" wäre etwas an den Haaren herbeigezogen.
Auch wenn ich das Wort "meist" in den Schlüsseln oder bei den Beschreibungen der Arten nicht so gern habe (es lässt schlicht alle möglichen und unmöglichen Hintertüren offen) scheint es in diesem Fall vielleicht doch angebracht zu sein :-)
Liebe Grüsse & weiterhin spannende Beobachtungen und Streifzüge durch die Umgebung! Muriel
- Mi piace
RispondiDie Beschreibungen in den Florenwerken darf man grundsätzlich nicht zu wörtlich nehmen. Üblicherweise werden Merkmale beschrieben, wie man sie ohne besonderen Aufwand wahrnimmt. Dem widerspricht nicht, wenn man z. B. mit dem Bino unter 50-facher Vergrößerung Details entdeckt, die der groben Beschreibung widersprechen, oder eben wie hier Wimpern (sind das hier überhaupt Haare?) an einem begrenzten Organ.
Manchmal steht in den Schlüsseln “immer” oder “stets”, um zu betonen, daß es nie Abweichungen bei einem Merkmal gibt.
Und selbst wenn L. l. "immer" kahl wäre, könnten Umweltbedingungen, Parasiten, Krankheiten oder Mutationen in Ausnahmen eben doch zu Abweichungen von der Beschreibung führen.
- Mi piace
RispondiDoch, ich möchte gerne genaue Beschreibungen, auch in Florenwerken. Ich erwarte nicht, dass die Beschreibung das Gesamtareal einer Art abdeckt; gut möglich, dass die Pflanzen am einen Ende des Verbreitungsgebietes etwas mehr Härchen haben als am anderen Ende. Aber ich möchte schon, dass die Arten im behandelten Gebiet so gut wie möglich mit Worten beschrieben werden. Das finde ich grundsätzlich nicht zu viel verlangt. Sonst schau ich lieber ein paar gute Fotos an – und weiss innerhalb von kurzer Zeit mehr.
Und ich meine die Beschreibung von Merkmalen, die ich von Auge oder mit einer Lupe draussen im Feld sehe – oder im Fall der Berg-Platterbse von La Sarraz sogar auf einem unscharfen Schnappschuss. Ich denke nicht an Merkmale, für die ich ein Bino oder einen Blattquerschnitt brauche (für was ich die Nerven meist gar nicht hab), oder die auf Parasitenbefall oder Mutationen zurückgehen.
Apropos Verbreitungsgebiet: Die Berg-Platterbse (Lathyrus linifolius) kommt von Portugal (flora-on.pt) bis Bulgarien, den Baltischen Staaten und bis nach Norwegen vor (Verbreitungskarte auf Plants of the World online, POWO).
Eine sehr genaue Beschreibung, inkl. Haaren (nicht nur "glabro" und fertig), liefert die Flora Iberica (Seite 456), zumindest für die Pflanzen auf der Iberischen Halbinsel:
http://www.floraiberica.es/floraiberica/texto/pdfs/07_35%20Lathyrus.pdf
Ja zu Haaren :-)
Ich zitiere die Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol, 2008, Seite 71:
"Wimpern (= Wimperhaare, Cilien): an Blatträndern od. auf deutl. Kanten, Leisten od. Kielen stehende, meist ± abstehende Haare jedweder Gestalt, Länge u. Konsistenz (sie müssen weder lang noch steif sein noch locker stehen!); – bewimpert (= gewimpert, ciliat): mit randstdg od. auf einem Kiel etc. stehenden, ± abstehenden Haaren."
Danke Euch beiden für die umfangreichen Erklärungen und die spannende Diskussion. Ich nehme für mich heraus, in Zweifelsfällen mehrere Bestimmungswerke zu konsultieren.
Und ja: Auch hinsichtlich grannenartiger Spitze nimmt es mein Exemplar nicht so genau. Sie ist wesentlich kürzer als in den Bildern von Muriel.
FH beschreibt Fiederpaare ohne Einschränkung “mit grannartiger Spitze”, Binz setzt als Bestimmungsmerkmal “B … meist mit einer kleinen Stachelspitze”.
- Mi piace
RispondiIch verstehe ja, daß man in einem Florenwerk gerne eine korrekte, vollständige Beschreibung hätte. Aber in einer Exkursionsflora mit Bestimmungsschlüsseln ist dafür kein Platz. Die “Altvorderen” kannten die Variabilität der Arten viel besser als wir heutzutage. Davon zeugt beispielsweise die Flut der Formen und Varietäten im Hegi. Aber der ist dann so umfangreich, daß man ihn ohne Caddy nicht mit ins Feld nehmen kann.
Nichtsdestotrotz ist es unglücklich, daß in der FH die Kahlheit als besonderes diagnostisches Merkmal fett in der Beschreibung hervorgehoben ist, wenn das so allgemein gar nicht stimmt.
--
@Thomas: Das mit der Grannenspitze ist glaube ich ein Mißverständnis. Die FH meint wohl, daß die Blattrhachis (das *Blatt*) in einer Spitze ausläuft und nicht in einer Ranke. Den *Blättchen* gesteht die FH nur zu, stachelspitzig zu sein.
- Mi piace
RispondiDanke für den Hinweis auf mein Mißverständnis. Der Begriff “Blättchen” war mir bisher bei Gefässpflanzen nicht geläufig, eher bei Moosen. Geläufig ist mir “Teilblatt” oder “Fieder”. Aber ich habe die Grannenspitze tatsächlich bei den Teilblättern vermisst, nicht bei der Rhachis. Auch in FH steht “Teilblätter länglich-lanzettlich .., stachelspitzig”.