Lieber Markus Zu sehen sind auf deiner spannenden Aufnahme die drei Staubblätter des Frauenschuhs (bei den meisten anderen Orchideenarten fehlend), von denen zwei fertil sind, aber nur noch aus jeweils einem Staubbeutel bestehen. Das dritte in der Mitte bildet ein steriles Staminodium, das wie ein Schuhlöffelchen in die grosse Öffnung des Schuhs hineinragt. Dieses fehlgeschlagene Staubblatt weist rote Saftmale auf und zieht das Insekt auf der Suche nach Nektar an (nebst dem speziellen Geruch der Blüte und der leuchtend gelb gefärbten Lippe). Doch gleitet es bald von dessen spiegelglatter Aussenfläche ab und fällt in den Hohlraum der Lippe (=Kesselfalle). Aus diesem kann es wegen seiner (durch Ölüberzug) glatten Beschaffenheit und der nach innen umgebogenen Ränder der Hauptöffnung nicht mehr entrinnen, es sei denn über zwei Haartreppen in der hinteren Pantoffelwand. Da das Insekt weit und breit keinen Nektar findet, möchte es sich befreien und strebt nun dem Lichte zu. Dabei wird es durch Lichtreize geleitet, da die Wand der Lippe im rückwärtigen Teil einige fast durchsichtige Stellen wie kleine Fenster aufweist.
Beim Kriechen in diese Richtung kommt das Insekt über den mit Haaren ausgekleideten Weg hinter dem Gynostemium (=Geschlechtsapparat) hindurch, d.h. zunächst an der Narbe (auf deiner Foto nicht sichtbar) vorbei, wo es den von einer zuvor besuchten Blüte mitgebrachten Pollen abstreift. Danach muss es sich an einem der beiden Staubblätter (=Stamina) vorbeiquetschen, wobei neuer Pollen an ihm festklebt (die Pollenkörner eines Staubbeutels sind hier in einer schmierigen Masse eingebettet, aber anders als bei den meisten Orchideen nicht zu einem einzigen Pollinium verklebt). Diese vorgegebene Reihenfolge der Bestäubung vermeidet eine Selbstbestäubung. Nachdem das Insekt eine dieser Öffnungen passiert hat, gelangt es schliesslich wieder ins Freie. Dabei zwängt es zuerst den Kopf und das erste Beinpaar hindurch (genau diesen Vorgang hast du hier eingefangen!) und hält sich an den Haaren am Grunde der seitlichen Blütenhüllblätter fest (diese sieht man auf deiner Foto gut). Dann zwängt es sich mit grosser Kraftanstrengung durch die Öffnung. Ungeachtet dieser Mühe (und Enttäuschung!) befliegt das Insekt bald die nächste Blüte und überträgt beim Emporsteigen an der Innenwand der Lippe den mitgebrachten Pollen auf die Narbe.
Nice to know: Als Bestäuber fungieren besonders Sandbienen (Andrena spec.), die kleiner als Honigbienen sind. Frauenschuhe bieten den bestäubenden Insekten aber keinerlei Nahrung an und zählen daher zu den Nektartäuschblumen. Oft lauern am Grunde der seitlichen Blütenhüllblätter Krabbenspinnen auf die in dieser Situation völlig hilflosen Bienen. Fliegen mit ihren ganz anders gearteten Haftapparaten an den Füssen können die Lippe überall verlassen, besorgen also keine Bestäubung, werden indes auch kaum angelockt.
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Lieber Markus
Zu sehen sind auf deiner spannenden Aufnahme die drei Staubblätter des Frauenschuhs (bei den meisten anderen Orchideenarten fehlend), von denen zwei fertil sind, aber nur noch aus jeweils einem Staubbeutel bestehen. Das dritte in der Mitte bildet ein steriles Staminodium, das wie ein Schuhlöffelchen in die grosse Öffnung des Schuhs hineinragt. Dieses fehlgeschlagene Staubblatt weist rote Saftmale auf und zieht das Insekt auf der Suche nach Nektar an (nebst dem speziellen Geruch der Blüte und der leuchtend gelb gefärbten Lippe). Doch gleitet es bald von dessen spiegelglatter Aussenfläche ab und fällt in den Hohlraum der Lippe (=Kesselfalle). Aus diesem kann es wegen seiner (durch Ölüberzug) glatten Beschaffenheit und der nach innen umgebogenen Ränder der Hauptöffnung nicht mehr entrinnen, es sei denn über zwei Haartreppen in der hinteren Pantoffelwand. Da das Insekt weit und breit keinen Nektar findet, möchte es sich befreien und strebt nun dem Lichte zu. Dabei wird es durch Lichtreize geleitet, da die Wand der Lippe im rückwärtigen Teil einige fast durchsichtige Stellen wie kleine Fenster aufweist.
Beim Kriechen in diese Richtung kommt das Insekt über den mit Haaren ausgekleideten Weg hinter dem Gynostemium (=Geschlechtsapparat) hindurch, d.h. zunächst an der Narbe (auf deiner Foto nicht sichtbar) vorbei, wo es den von einer zuvor besuchten Blüte mitgebrachten Pollen abstreift. Danach muss es sich an einem der beiden Staubblätter (=Stamina) vorbeiquetschen, wobei neuer Pollen an ihm festklebt (die Pollenkörner eines Staubbeutels sind hier in einer schmierigen Masse eingebettet, aber anders als bei den meisten Orchideen nicht zu einem einzigen Pollinium verklebt). Diese vorgegebene Reihenfolge der Bestäubung vermeidet eine Selbstbestäubung. Nachdem das Insekt eine dieser Öffnungen passiert hat, gelangt es schliesslich wieder ins Freie. Dabei zwängt es zuerst den Kopf und das erste Beinpaar hindurch (genau diesen Vorgang hast du hier eingefangen!) und hält sich an den Haaren am Grunde der seitlichen Blütenhüllblätter fest (diese sieht man auf deiner Foto gut). Dann zwängt es sich mit grosser Kraftanstrengung durch die Öffnung.
Ungeachtet dieser Mühe (und Enttäuschung!) befliegt das Insekt bald die nächste Blüte und überträgt beim Emporsteigen an der Innenwand der Lippe den mitgebrachten Pollen auf die Narbe.
Nice to know:
Als Bestäuber fungieren besonders Sandbienen (Andrena spec.), die kleiner als Honigbienen sind.
Frauenschuhe bieten den bestäubenden Insekten aber keinerlei Nahrung an und zählen daher zu den Nektartäuschblumen.
Oft lauern am Grunde der seitlichen Blütenhüllblätter Krabbenspinnen auf die in dieser Situation völlig hilflosen Bienen.
Fliegen mit ihren ganz anders gearteten Haftapparaten an den Füssen können die Lippe überall verlassen, besorgen also keine Bestäubung, werden indes auch kaum angelockt.
Quelle: ERICH W. RICEK: Die Orchideen der Alpenländer, Wien 1990 (S. 9-10)
(aus: ABHANDLUNGEN DER ZOOLOGISCH-BOTANISCHEN GESELLSCHAFT IN ÖSTERREICH, Band 25)
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RispondiIch sehe das genau so wie es der Blumenwanderer wunderbar zitiert hat. Da kann ich gar nichts dazufügen. Nur vielen Dank fürs zeigen.
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