Grüne Baumschlange

Muriel Bendel
Muriel Bendel 17.05.2026

... die sich immer im Uhrzeigersinn (von oben betrachtet) um dünne Stämme, Zweige o.ä. windet und an der Basis des Blattstiels kleine, stiftförmige "Öhrchen" ausbildet. 

Die Blattaderung ist untypisch für diese grosse Pflanzengruppe und ihre Verwandtschaft ist mehr in den Tropen zu Hause... 

Wer ist's?

Gefunden bei Büren an der Aare (BE) im Auenwald.

Im Uhrzeigersinn windend... Büren an der Aare (BE), 17.05.2026 (Muriel Bendel)
Blattstiel am Grund mit kleinen, stiftförmigen "Öhrchen". 17.05.2026 (Muriel Bendel)

9 Réponses

Wunderbarst, Muriel! Grüne Äskulapnattern sind sehr selten (zumindest in ihrer olivgrünen Ausführung), doch Tamus communis habe ich schon oft bewundert, aber die Hörnchen der Schlange sind mir noch nicht aufgefallen. Sind das umgebildete Nebenblätter? Wohl zu Recht erwähnst du aber dies Wort nicht, denn solche wären ja eine - wenn auch faszinierende - botanische Ausnahme, da gegen die Monokotyledonen-Regel verstossend, dass diese eben keine solchen haben (aber auch sonst scheint Tamus nicht so recht zu den Monokotyledonen gehören zu wollen mit seinen netzadrigen, herzförmigen und gestielten Blättern). Aber vielleicht könnten es auch modifizierte Blattscheiden sein oder Drüsen...

Eine andere Frage ist diejenige nach der Funktion. Schon Hegi erwähnt, dass diese fast wachsartig erscheinenden, derben, an der Spitze drüsenartigen Blattgebilde durch Anklammern an rauen Oberflächen das Winden dieser Liane unterstützen könnten. Und das erscheint irgendwie einleuchtend, denn der Spross muss sich ja, wie auch auf deiner Foto ersichtlich, an Ästen, Rinden oder Nachbarpflanzen verfangen können, wobei diese Hörnchen ein Abrutschen der sehr langen, dünnen und rankenlosen Triebe erschweren würden.

Schaut man sich übrigens die Triebspitze (Apex) auf deiner Foto genau an, fallen fädige Strukturen auf. Da züngelt keine Schlange, und auch sind dies keine Kletterranken (als Schlingpflanze besitzt Tamus keine solchen), sondern fadenförmig ausgezogene Blattspitzen. Ihre Funktion ist vermutungsweise der mechanische Schutz der Knospen an der wachsenden Triebspitze, indem sie die noch unreifen, dicht gedrängten Blattanlagen und Blütenknospen umhüllen und so die sensible Vegetationsspitze in der kritischen Phase des frühen Austriebs vor widrigen Umwelteinflüssen wie Spätfrösten, UV-Strahlung oder mechanischer Beschädigung schützen.

Genau, herzlichen Dank Kilian :-)
Mit den deutlich netznervigen, jung zusammengefalteten Blattspreiten und den im Uhrzeigersinn hochwindenden Stängeln bleibt die Schmerwurz (Tamus communis / Dioscorea communis) übrig. 

Ob die stiftförmigen, derben "Öhrchen" wirklich beim Klettern hilfreich sind, bezweifle ich... sie scheinen mir in vielen Fällen am falschen Ort dafür zu sein. Unten ein Foto einer um Conyza windenden Schmerwurz; die "Öhrchen" stehen ab und befinden sich nicht am Stängel, wo sie potentiell nützlich sein könnten. Aber wer weiss: ist das Klettergerüst anders, helfen sie vielleicht. Trotzdem: Wenn sie nicht schaden, besteht wohl kein evolutionärer Druck, sie los zu werden – also bleiben sie wo sie sind. 

Ob es nun "Öhrchen" sind oder Nebenblätter (die es bei den Einkeimblättrigen nicht oder kaum gibt), weiss ich nicht, ich drücke mich da tatsächlich etwas vor einer genauen Benennung... vielleicht weiss jemand hier weiter?

Beim Hopfen (Humulus lupulus) sieht es betreffend Kletterhilfe anders aus: Seine Stängel, Blattstiele und sogar die Nerven auf der Blattunterseite besitzen dicke Kompasshaare (Klettenhakenhaare), die vermutlich beim Klettern helfen.

Eine Schmerwurz (Tamus communis) windet um einen Conyza-Stängel – die hellen, derben "Öhrchen" sind dabei vermutlich keine grosse Hilfe. Caslano (TI), 19.05.2026 (Muriel Bendel)
Die unteren, bereits entfalteten Blätter verraten definitiv die Schmerwurz (Tamus communis). Büren a. der Aare (BE), 17.05.2026 (Muriel Bendel)

Zu den Arten mit im Uhrzeigersinn windenden Stängeln (oder: eine linksgängige Helix; oder: linksschrauben-windend; oder: "Rechtswinder" v.a. in der älteren Literatur) gehören neben der Schmerwurz (Tamus communis /Dioscorea communis) z.B. auch

Gewöhnlicher Hopfen (Humulus lupulus). Tenero (TI), 19.05.2026 (Muriel Bendel)
Gemeiner Windenknöterich (Fallopia convolvulus). Münsingen (BE), 30.08.2024 (Muriel Bendel)
Hecken-Windenknöterich (Fallopia dumetorum). Leuk (VS), 23.09.2025 (Muriel Bendel)
Garten-Geissblatt (Lonicera caprifolium). Muri b. Bern (BE), 23.04.2023 (Muriel Bendel)
Wald-Geissblatt (Lonicera periclymenum). Könizbergwald (BE), 13.03.2024 (Muriel Bendel)

Bei anderen Arten windet der Stängel konsequent anders rum, d.h. von oben betrachtet gegen den Uhrzeigersinn (oder: eine rechtsgängige Helix; oder: rechtsschrauben-windend; oder: "Linkswinder"):

Echte Zaunwinde (Calystegia sepium). Thun (BE), 19.06.2024 (Muriel Bendel)
Wald-Zaunwinde (Calystegia silvatica). Tenero (TI), 19.05.2026 (Muriel Bendel)
Acker-Winde (Convolvulus arvensis) um Purpur-Leinkraut (Linaria purpurea) windend. Uetendorf (BE), 16.06.2025 (Muriel Bendel)
Purpur-Prunkwinde (Ipomoea purpurea). Bern (BE), 31.08.2024 (Muriel Bendel)
Nessel-Seide (Cuscuta europaea) auf der Grossen Brennnessel (Urtica dioica). Oberbalmberg (SO), 20.08.2021 (Muriel Bendel)

Die Winderichtung “von oben” anzusprechen ist allerdings widersinnig:  Die Pflanzen wachsen ja von unten nach oben und nicht umgekehrt.  So handhabt es übrigens auch der Rothmaler und benutzt “linkswindend” und “rechtswindend”.

Zitat Erik Welk (in litt.):
“*Unsere Definition* von rechtswindend ist eigentlich, dass die Sprossachse eine Wendeltreppe ohne Aussenwand und der Träger eine zentrale Säule repräsentieren. In Wuchsrichtung *von unten nach oben* "hält" sich der Sproß also mit seiner rechten Seite an der Säule fest = rechtswindend.  Achtung: diese Definition unterscheidet sich von der sogenannten “botanischen” Sichtweise, die unlogischerweise *von oben nach unten* definiert ist.”

Dominik

Ich unterstütze diese (gärtnerische?) Bezeichnungsweise und erkläre sie den SchülerInnen so:

Du fährst mit einem Auto den Spross hoch. Wenn du dabei das Steuerrad nach rechts drehst, ist die Pflanze rechtswindend. Drehst du nach links ist sie linkswindend.  

Leider weiss ich nicht mehr von wem ich diese Eselsfahrbahn erfahren habe.

Für mich passt sie.

Ich habe mich noch grad mit der Frage befasst, ob es bei den Monokotyledonen auch Ranken gibt. Auslöser war meine Rumheskrone (Gloriosa superba), die nun wieder im Garten steht und deutliche Ranken aufweist.
Es hat sich aber herausgestellt, dass solche Ranken eine sehr exklusive Ausnahme darstellen. Das Paradebeispiel sind die Stechwinden (Smilax), die (wie im Namen angedeutet) nicht nur rückwärtsgerichtete Stacheln an der Sprossachse haben, die ihnen beim Klettern helfen, sondern oft auch fadenförmige Ranken, die sich aus Nebenblättern (!) entwickelt haben sollen und somit paarweise an der Basis des Blattstiels entspringen! Bei der Ruhmeskrone hingegen sind es deutlich sichtbar die Blattspitzen, die sich mit der Zeit zu spiralförmigen Ranken verlängern.

Erwischt! Ja, ich stolpere immer wieder, wenn ich zwischen rechts- und linkswindend unterscheiden muss. Dies ganz einfach, weil es in der Botanik und im Gartenbau offensichtlich verschiedene Definitionen dafür gibt (in der Chemie hingegen nicht: Eine links- resp. rechtsgängige Helix ist klar und nicht verhandelbar → https://de.wikipedia.org/wiki/Helix).

@Dominik, einer Pflanze von oben auf den "Kopf" zu gucken und so die Winderichtung zu definieren (und zwar mit Uhrzeigersinn resp. Gegenuhrzeigersinn) finde ich überhaupt nicht widersinnig.

Wenn ich klar deklariere, was ich anschaue und was ich wie benenne, gibt es weniger Chaos, als wenn ich einfach von "rechtswindend" oder "linkswindend" rede. Schön, sehen es der Rothmaler und Erik Welk so klar. Die Exkursionsflora für Österreich EfÖLS sieht es ebenfalls sehr klar. Dummerweise genau anders rum. Aber Hopfen dreht immer gleich, egal ob er in DE, CH oder AT wächst.

Konkret steht zum Gewöhnlichen Hopfen (Humulus lupulus)

  • im Rothmaler: "Stg rechtswindend", und

  • in der Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol (2008) in der ausführlichen Einleitung S. 67:
    "Linksschraubenwinder (= linksschraubig-windend, „Linkswinder“) bilden eine Linksschraube (= Schraube mit Linksgewinde): Windungsgänge auf der dem Betrachter zugewendeten Seite nach links oben ansteigend, die Seitenansicht ähnelt daher dem Buchstaben S (Abb. 69/2); die Sprossspitze beschreibt beim Weiterwachsen ständig Rechtskurven; von oben betrachtet sind das im Uhrzeigersinn kreisende Bewegungen: sie werden daher in etlichen, bes. älteren Florenwerken „Rechtswinder“ (nach dem Hopfen auch „hopfisch“) genannt: zB Humulus / Hopfen, Lonicera subg. Caprifolium / Geißblatt, Dioscorea / Schmerwurz, Fallopia aubertii / Silberregen."