Die Unterscheidung hat einen Haken...

Muriel Bendel
Muriel Bendel 13.12.2025

... resp. ein winziges Häkchen, zumindest an der Spitze der Stacheln auf den Früchten.

Die beiden Arten gehören zur gleichen Gattung; die eine Art ist im Mittelland recht häufig und hat ein Flair für halbschattige Standorte, die andere tritt nur in wärmeren Gefilden häufiger auf und hat's lieber sonnig.
Welches sind die beiden Doppelgänger-Arten?

Links: Mont Vully (FR), 11.12.2025; rechts: La Neuveville (BE), 4.11.2025 (Muriel Bendel)

11 Risposte

Liebe Muriel
Zu erkennen sind hier zwei verschiedene Spaltfrüchte (Doppelachänen), wie sie bei Apiaceen typisch sind: Ihre beiden Merikarpien sind mit je zwei verschiedenen Arten von krummen Börstchen (oder Stachelchen) besetzt, deren eine spitz-stachlig sind, die anderen ein winziges Widerhäkchen aufweisen. Die erste Frucht muss zu Torilis japonica gehören (links), die andere zu Torilis arvensis (rechts). Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie von der Funktion her beides Klettfrüchte sind und somit “mit Haken und Ösen” alles dransetzen, dass sie an Tierfellen oder Kleidern haften bleiben, womit wir wieder beim Thema Epizoochorie wären;-)

PS: Mit welcher Vergrösserung ist die Foto rechts aufgenommen worden?

Genau, merci Kilian!

Wenn winzige Widerhäkchen an den Spitzen der Borsten vorhanden sind, handelt es sich um die Feld-Borstendole (Torilis arvensis); ihre Doppelgängerin, die Wald-Borstendolde (Torilis japonica), besitzt allmählich zugespitzte Borsten. 

Die Häkchen der Feld-Borstendolde (Torilis arvensis) sind aber knifflig, ich sehe sie auch mit der Lupe manchmal nicht.
Im Unterschied zu Torilis japonica sind die Borsten bei Torilis arvensis an der Spitze aber etwas verdickt und erinnern mit bisschen Fantasie an eine feine Stecknadel. 

Bei der Vergrösserung bin ich überfragt... ich füge ein Foto der Früchte von Torilis arvensis auf mm-Papier an, das einen ungefähren Hinweis auf die Grösse gibt.

Reife Teilfrüchte der Feld-Borstendolde (Torilis arvensis). St. Petersinsel (BE), 08.12.2025 (Muriel Bendel)

Ja, darum fragte ich wegen der Vergrösserung, da ich diese Häkchen, soweit ich mich erinnere, bisher nie eindeutig ausmachen konnte mit meiner 10x Lupe. Also bestimmte ich - ach, du Schande - bisher meist nach Habitus und Habitat: Wenn ich im Wallis am Rande eines Rebbergs oder Wanderwegs wieder mal solche Borstendolden mit einem gewissen Silberglanz auf den Blättern und in praller Sonne stehend in einem Massenbestand (siehe Foto anbei) antraf, war für mich die Sache dann halt klar. Aber in den beiden tollen Porträts im Wiki habe ich soeben gelernt, dass es da auch noch zwei weitere - vielleicht etwas feldtauglichere - Unterscheidungskriterien gibt, nämlich die Anzahl der Döldchen und diejenige der Hüllblätter. Auf jeden Fall achte ich das nächste Mal darauf;-)

Salgesch (VS), 02.07.2024 (Blumenwanderer)

Hier kann man die Widerhaken Ansatzweise sehen (unterstes Foto stark vergrößern, dann an den untersten Borsten der rechten Frucht):

https://www.missouriplants.com/Torilis_arvensis_page.html

Dominik

Das sind ja tolle Detailfotos bei Stefan.  Die Widerborsten sind selbst mit kleineren Widerhaken besetzt, an deren Spitze zum Teil wieder winzige Widerhäkchen sitzen.  Sozusagen ein fraktaler Aufbau der Struktur.  Hier auf diesem Bild sieht man ganz oben rechts das Häkchen an der Spitze des terminalen Widerhakens.

Dominik

Bei der Bestimmung von Torilis muss ich mich auch an der eigenen Nase nehmen; ich fürchte, mir ist mehr als einmal ein Bestimmungsfehler unterlaufen, weil ich vorschnell auf Torilis japonica tippte und Torilis arvensis gar nicht auf dem Radar hatte. Das letzte Mal in diesem Sommer, mitten in der Stadt Bern: Da stand am morgen früh Torilis zwischen den groben Steinen rum und entpuppte sich später bei einem ausgezupften Exemplar als Torilis arvensis (unten ein Foto der Pflanzen).
War mir eine Lehre :-)

Habitus ist gut und recht, aber nicht mehr.
Auch der Lebensraum ist nett, aber Pflanzen wachsen halt dort, wo sie landen und wo sie irgendwie zurecht kommen. Das Buch "Lebensräume der Schweiz" haben nicht alle Arten so genau gelesen.
Und die Verbreitungskarte ist auch kein Bestimmungsmerkmal. Mein Lieblingsbeispiel für einen grossartigen Fund "abseits" der Verbreitungskarte ist der Tannenbärlapp (Huperzia selago) in der Stadt Zürich in einem Innenhof auf dem Irchel-Campus. Nachzulesen ist die Geschichte hier:

Rutishauser, R. 2021: Indirekte Artenförderung in der Stadt Zürich. FloraCH, 12: 4-7.
zora.uzh.ch

Die Feld-Borstendolde (Torilis arvensis) mitten in der Stadt Bern. 22.06.2025 (Muriel Bendel)

Und um mich vollends als pingelige Botanikerin zu outen: Sogenannte Bestimmungs-Apps sind meines Erachtens Ideen-Apps, die eine Bestimmung suggerieren, aber Wahrscheinlichkeiten statt Sicherheiten liefern und keine Ahnung von Merkmalen haben. Natürlich brauch ich diese Apps auch und finde sie in gewissen Situationen toll. Aber damit hat es sich auch. Eine belastbare Bestimmung geschweige denn eine Kartierung gibts mit solchen Ideen-Apps nicht.

Torilis ist ein gutes Beispiel dafür. Selbstverständlich muss ich bei der Bestimmung von Torilis mit einem Schüssel nicht bei Adam und Eva beginnen und zuerst die Farne ausschliessen, um dann bei den Blütenpflanzen weiterzuschlüsseln und höchstwahrscheinlich früher oder später irgendwo im Schilf zu landen. Aber mich mit den Merkmalen der Doldenblütler auseinanderzusetzen ist von Vorteil.

Merci, Muriel, für den Verweis auf die Makros von Lefnaer! Da sieht man ja dann, dass diese Widerhaken durchschnittlich eine Länge von ca. 50 Mikrometern aufweisen, was einem Zwanzigstel eines Millimeters entspricht: Grenzwertig für ein feldtaugliches Merkmal bzw. die Unterscheidung hat dann tatsächlich einen Haken, um in deinen Worten zu sprechen:-)
Und Torilis arvensis mitten in der Stadt Bern ist ebenso unerwartet wie erstaunlich.

Merci bien auch für deine klaren Worte. Zu den sog. „Bestimmungs-Apps“ ist zu sagen, dass sie tatsächlich nur „Ideenflüsterer“ sind. Das Missverständnis wird aber von den Herstellern selbst gefördert, wenn z.B. das WSL tout sec schreibt : „FlorID ermöglicht eine Bestimmung der Schweizer Pflanzenarten anhand Fotoaufnahmen.“

https://www.wsl.ch/de/services-produkte/florid/

Natürlich müsste man gerechterweise sagen, dass eine solche App so gut trainiert sein kann, wie sie will, aber halt immer nur so gut ist, wie die Fotos, die man ihr als Anwender präsentiert. Auf jeden Fall kommt die obgenannte App tatsächlich auf Torilis arvensis, wenn man ihr deine entsprechende Frucht-Foto (nur diese!) präsentiert. Im medizin. Bereich, aus dem ich komme, ist die KI mittlerweile eigentlich schon mehr als ein „Ideenflüsterer“. So erkennt sie z.B. in der Dermatologie (zwecks Hautkrebsvorsorge) kleinste Veränderungen, die der menschl. Wahrnehmung entgehen würden. Aber sie ist nur ein präzises Instrument, mehr nicht. Die finale Beurteilung obliegt natürlich nach wie vor dem erfahrenen Arzt, so wie die Interpretation einer KI-Wahrscheinlichkeit dem Botaniker obliegt und ihm, wie du auch schreibst, einfach zeigt, wo er im Zweifelsfall beim Schlüsseln einsetzen könnte. Mit anderen Worten: Jetzt müsste man seriöserweise auch noch die Anzahl der Döldchen und der Hüllblätter (ob letzteres an der fruchtenden Pflanze noch vorhanden?) anschauen, um den Vorschlag der App validieren zu können. Item, auch ich nehme mich an der eigenen Nase….

Der Widerhaken bei T. arvensis ist schon klein. Bei guten Lichtverhältnissen sieht man das aber meines Erachtens auch mit der 10x-Lupe recht gut im Feld!

| … Hüllblätter (ob letzteres an der fruchtenden Pflanze noch vorhanden?)

→ Ja, die Hüllblätter sind bei den fruchtenden Torilis japonica Pflanzen noch vorhanden; manchmal besser zu sehen (1. Foto unten), manchmal liegen die Hüllblätter den Döldchenstielen aber so eng an, dass sie perfekt getarnt und damit nur schlecht zu sehen sind (2. Foto).

Hier sind die für Torilis japonica typischen Hüllblätter gut zu sehen. Mont Vully (FR), 11.12.2025 (Muriel Bendel)
Manchmal liegen die Hüllblätter den Döldchenstielen an und sind deshalb mehr schlecht als recht zu sehen. Mont Vully (FR), 11.12.2025 (Muriel Bendel)