... die zweite Formulierung (aus der Illustrierten Flora von Mitteleuropa) hört sich etwas holprig an, die erste etwas förmlich... so oder so: die jungen Triebe dieser Art nicken im Frühling (resp. bereits jetzt Ende Winter), bevor sie sich strecken und ihre Blätter entrollen.
Die Merkmale der gesuchten Art sind:
- Blätter gestielt, gegenständig.
- Nebenblätter dreieckig, hellgrün bis weisslich.
- Stängel unverzweigt.
Wer ist's?
Fundort: Kalkfelsen in einem Buchenmischwald oberhalb von St-Imier (BE), auf 1100 m ü. M.
7 Risposte
Liebe Muriel
Ist das ein „Plumula-Haken“? Ich kannte das Phänomen nicht und bin ihm deshalb etwas nachgegangen. Die Erklärung tönt möglicherweise etwas umständlich, aber ich liefere auch gleich zwei Varianten, hoffentlich nicht allzu holprig oder förmlich:
Beim Durchbrechen der Erdoberfläche wachsen gewisse Pflanzen in einer Hakenform nach oben: diesen nennt man auch Keimlingshaken oder Plumula-Haken (von lat. Plumula=Federchen). Diese Krümmung hat eine Schutzfunktion und dient dazu, die empfindliche Sprossspitze und die jungen Blätter vor mechanischen Beschädigungen durch den Widerstand des Bodens zu schützen. Sobald der Spross das Licht erreicht, streckt sich der Haken durch Photomorphogenese gerade.
Der Plumula-Haken dient dazu, wie ein Panzer die empfindliche Plumula (=Blättchenbündel bzw. den Sprossscheitel) zu schützen und somit sicher an die Erdoberfläche zu bringen. Statt mit der Spitze voran durch das Erdreich zu stossen, schiebt sich der Spross in Form einer Schlinge nach oben. Erst nach Erreichen des Lichts streckt sie sich durch gesteuertes Zellwachstum, und die Blätter entfalten sich. Das Phänomen tritt bei vielen Fabaceen auf.
Die gesuchte Art gehört jedoch nicht zu ihnen. Zudem breitet sie sich stark über unterirdische Rhizome aus, wobei auch die neuen Austriebe aus dem Boden diese schützende Krümmung aufweisen können.
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RispondiMein erster Eindruck war: Wald-Bingelkraut Mercurialis perennis?
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RispondiIch möchte mich Markus anschliessen. Wobei zu sagen ist, dass die Nebenblätter nirgens erwähnt sind. Die sind doch so schön.
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RispondiJa, die Nebenblätter sind hübsch! Sie sind ein Gattungsmerkmal und deshalb auch beim Einjährigen Bingelkraut (Mercurialis annua) und beim Eiblättrigen Bingelkraut (Mercurialis ovata) zu finden.
Vielen Dank, Kilian, Markus & Alfons!
Genau, hinter den "umgeklappten" jungen Trieben versteckt sich das Wald-Bingelkraut (Mercurialis perennis).
Als ich diese nickenden jungen Sprosse das erste Mal sah, dachte ich an Trockenstress... und lag damit natürlich komplett falsch. Das Nicken der jungen Sprosse hat System, unabhängig davon, wie viel Wasser den Pflanzen zur Verfügung steht. Eine mögliche Erklärung für die hakenförmig gebogenen jungen Triebe ist, dass die bereits angelegten Blütenknospen dadurch besser geschützt werden. Das wäre die gleiche Erklärung wie beim "Keimlingshaken" (Plumulahaken, der z.B. bei keimenden Buschbohnen im Garten perfekt zu sehen ist), nur sind es beim Wald-Bingelkraut junge Sprosse einer ausdauernden Pflanze und keine Keimlinge.
Das Wald-Bingelkraut ist nicht die einzige ausdauernde Art, welche die jungen Triebe im Frühling umgeklappt durch den Boden ans Licht schickt. Auch die Zahnwurz-Arten (Untergattung Dentaria) zeigen nickende junge Triebe (Fotos von Cardamine heptaphylla unten). Und gemäss Literatur sollten auch die jungen Triebe des Waldmeisters (Galium odoratum / Asperula odorata) umgeklappt in die neue Saison starten.
Quelle: Goebel, K. 1920: Die Entfaltungsbewegungen der Pflanzen und deren teleologische Deutung. Ergänzungsband zur "Organographie der Pflanzen". G. Fischer, Jena
https://archive.org/details/dieentfaltungsbe00goeb/page/16/mode/2up?q=mercurialis
-> Seite 16
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RispondiLang ist die Liste der ausdauernden Arten mit umgeklappten jungen Trieben aber meines Wissens nicht – die meisten Arten wachsen im Frühling direkt mit dem Kopf voran durch die Erde (unten als Beispiel junge Triebe des Echten Salomonssiegels Polygonatum odoratum).
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RispondiViel häufiger als umgeklappte junge Triebe sind nickende junge Blüten(stände).
Manchmal ist dies ein guter Hinweis (Leontodon hispidus nickt, Leontodon helveticus nicht), meist aber einfach nix-to-know.
Nickende Blüten(stände) finden sich z.B. bei diesen Taxa:
Es gibt sicher noch mehr, gerne ergänzen :))
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