Morphologie

Generative Merkmale

  • Blüten

    • Blütenstand eine reichblütige, ausladende Rispe, Rispenäste bis 12blütig.
    • Kelchblätter 5, oval, stumpf, kahl oder mit Drüsen, den Kronblättern anliegend.
    • Kronblätter 5, gelb bis tief orange, etwa 2mal so lang wie die Kelchblätter, lineal-lanzettlich, spitz.
    • Staubblätter 10, nur ⅓ bis ½ so lang wie die Kronblätter.
    • Fruchtknoten nicht oberständig, etwa zu ⅔ mit der Blütenröhre verwachsen. 

    Die 10 Staubblätter befinden sich nicht alle in derselben Position (siehe Wissenswertes). Romoos (LU), 4.7.2019 (Paul Hürlimann)

    Zahlreiche Drüsenhaare im Blütenstand. Romoos (LU), 4.7.2019 (Paul Hürlimann)

    Schwarzenburg (BE), 5.7.2015 (Blumenwanderer)

    Stängel von Nagelfluhwand herabhängend. Sigriswil (BE), 23.6.2023 (Blumenwanderer)

    Sigriswil (BE), 23.6.2023 (Blumenwanderer)

    Sigriswil (BE), 23.6.2023 (Blumenwanderer)

    Sigriswil (BE), 23.6.2023 (Blumenwanderer)

    Sigriswil (BE), 23.6.2023 (Blumenwanderer)

  • Früchte

    Kapsel kugelig mit vorwärtsgerichteten Griffeln und verbleibendem Kelch.

Generative Merkmale

  • Wuchsform, Stängel

    • Blattrosette, solitär oder in Gruppen wachsend, nach der Blüte absterbend, aber oft vor dem Blühen Ausläufer bildend. Es besteht somit Monokarpie.
    • Krautige Pflanze, zweijährig bis kurzlebig mehrjährig, mit einer Wuchshöhe bis zu 60 cm.
    • Stängel aufrecht oder herabhängend, weisshaarig, oberwärts und im Blütenstand mit Drüsenhaaren und wechselständigen, drüsigen Blättern, meist schon unterhalb der Mitte rispig verzweigt.

    Buchholterberg (BE), 22.6.2025 (Blumenwanderer)

    Oft in der Nähe von Wasserläufen wachsend. Buchholterberg (BE), 22.6.2025 (Blumenwanderer)

    Schwarzenburg (BE), 5.7.2015 (Blumenwanderer)

    Schwarzenburg (BE), 5.7.2015 (Blumenwanderer)

    Sigriswil (BE), 23.6.2023 (Blumenwanderer)

    Gelb blühende Pflanze. Schwarzenburg (BE), 5.7.2015 (Blumenwanderer)

    Blattrosette schon welkend. Romoos (LU), 4.7.2019 (Paul Hürlimann)

    Abgestorbene vorjährige Rosette neben der neuen. Schwarzenburg (BE), 8.3.2020 (Muriel Bendel)

  • Blätter

    • Blattrosetten gross, bis zu 12 cm im Durchmesser.
    • Grundblätter linaeal, dick, fleischig, knorpelig berandet, stumpf, ungezähnt und fast ohne sichtbare Kalkgrübchen, am Grunde steif wimperig, kahl oder behaart.
    • Stängelblätter zahlreich, nach oben kleiner werdend, spatelig, weisshaarig, wie die linealen Trag-und Vorblätter ± drüsig.

    Blatt knorpelig berandet. Schwarzenburg (BE), 21.7.2018 (Blumenwanderer)

    Schwarzenburg (BE), 29.9.2025 (Blumenwanderer)

    Buchholterberg (BE), 29.9.2024 (Blumenwanderer)

    Oberhofen am Thunersee (BE) (Blumenwanderer)

    Reutigen (BE), 3.7.2025 (Blumenwanderer)

    Schwarzenburg (BE), 29.9.2025 (Blumenwanderer)

    Schwarzenburg (BE), 29.9.2025 (Blumenwanderer)

    Zusammen mit Campanula cochleariifolia und Pinguicula vulgaris wachsend. Schwarzenburg (BE), 29.9.2025 (Blumenwanderer)

    Sigriswil (BE), 23.6.2023 (Blumenwanderer)

    Schwarzenburg (BE), 3.11.2014 (Blumenwanderer)

    Schwarzenburg (BE), 3.11.2014 (Blumenwanderer)

Lebensraum

Verbreitung

Wissenswertes

  • Beim Kies-Steinbrech handelt es sich ökologisch gesehen um eine stenözische Pflanze, d.h. dass sie nur in einem engen Bereich von Umweltbedingungen überleben kann. Sie ist perfekt an eine sehr spezifische Nische angepasst, in der die Bedingungen weitgehend stabil sein müssen.
  • Trotz der stattlichen Blütenstände handelt es sich beim Kies-Steinbrech um eine konkurrenzschwache Pflanze. Oftmals sind die Populationen klein und isoliert. Schutzstatus gemäss Roter Liste 2016 Potenziell gefährdet (NT).
  • Die Blüten von Saxifraga mutata sind vormännlich, d.h. dass die Staubbeutel vor den Narben reifen. Die Staubblätter befinden sich anfangs in einer Ruheposition (meist zurückgebogen oder flach an den Kronblättern). Eins nach dem anderen richtet sich jeweils ein Staubblatt auf und bewegt seinen Pollenbeutel in das Zentrum der Blüte, direkt über die noch nicht empfängnisbereite Narbe, wo die Wahrscheinlichkeit am grössten ist, dass ein bestäubendes Insekt landet. Sobald ein Staubblatt das Zentrum erreicht hat, öffnet sich der Staubbeutel und präsentiert den Pollen für Bestäuber wie Schwebfliegen oder Bienen. Dann biegt sich das Staubblatt wieder nach aussen und wirft den leeren Staubbeutel ab.
    Wenn alle Staubblätter durch sind, beginnt die weibliche Phase: Die Narbenlappen können nun Pollenkörner einer anderen Blüte aufnehmen. Dieser Prozess dient dazu, die Bestäubung effizienter zu gestalten und Selbstbestäubung zu verhindern (Siehe dasselbe Phänomen bei Parnassia palustris!).
  • Hegi erklärt das Fehlen der Art in den Zentralalpen plausibel mit florengeschichtlichen Ursachen: „....es darf mit grosser Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass ihr nord-und südalpines Areal vor der Eiszeit zusammenhängender war und dass die grosse zentralalpine Lücke erst durch die mehrfache Vereisung der Zentralalpen entstanden ist. Als subalpine Pflanze konnte sich Saxifraga mutata im Innern der Alpen nirgends behaupten; wo sie heute dennoch vorkommt, muss sie postglazial eingewandert sein. Sicher ist, dass alle ihre schweizerischen und Tiroler Standorte im Zentralgebiet zur Zeit der stärksten Vereisung vom eiszeitlichen Gletscher bedeckt waren. Der Wiedereinwanderung aber stehen bei einer ökologisch so streng angepassten (stenözischen) Pflanze grosse Schwierigkeiten im Wege. Als weitere Beispiele bi-arealer Arten mit ähnlicher florengeschichtlichen Vergangenheit mögen Valeriana saxatilis und Primula auricula, zwei häufige Begleitpflanzen von S. mutata, genannt sein.“ (Bd. IV,2  S. 595-596)

Mögliche Verwechslungen

Der Strauss-Steinbrech (Saxifraga cotyledon) ist habituell ähnlich, hat aber

  • weisse Blüten.
  • eine grössere Blattrosette (bis 15 cm im Durchmesser).
  • Blätter mit am Rand nach vorne gerichteten Sägezähnen und feinen Kalkschüppchen.
  • einen anderen Lebensraum: kalmeidend, Silikatfelsen.

Der Trauben-Steinbrech (Saxifraga paniculata) hat

  • weisse Blüten.
  • Blätter, die an den Rändern und Spitzen meist deutlich kalkbekrustet sind (hellgrau glänzend durch ausgeschiedenen Kalk).
  • einen anderen Lebensraum: trockenheitsresistent, oft in sonnigen Felsspalten wachsend.

Weiterführende Literatur

  • Hegi, G. 1923: Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band IV, 2 Lehmanns Verlag, S. 595–596
  • Hess, H.E., et al. 1977: Flora der Schweiz, Band 2. Springer Verlag, S. 282
  • Holderegger, R. 1996: Reproduction of the rare monocarpic species Saxifraga mutata L. Botanical Journal of the Linnean Society, 122: 301–313

Autor*in: Blumenwanderer
Stand: 30. März 2026