Morphologie

Generative Merkmale

  • Blüten

    • Pflanzen zweihäusig (diözisch); weibliche Pflanzen in den meisten Populationen deutlich häufiger als männliche Pflanzen.
    • Blüten zu 3–5 in den obersten Blattachseln zwischen zwei Zweigen in einer knäueligen Trugdolde angeordnet.
    • Tragblätter zwei, etwa 2 mm lang, konkav, bewimpert, stumpf.
    • Blüten eingeschlechtig, sitzend:
      • Männliche Blüten gelb, duftend, Perigonblätter 4; Staubblätter 4, Staubfäden fehlend; Staubbeutel mit den Perigonblättern verwachsen, sich mit zahlreichen Poren öffnend → Perigonblätter auf der Innenseite deshalb zur Pollenreife siebartig durchbrochen.
      • Weibliche Blüten unscheinbar, kaum duftend, kleiner als die männlichen Blüten, Perigonblätter 3–4, dreieckig, frei, dick, ca. 1 mm lang; Fruchtknoten unterständig, in die Blütenachse eingesenkt, 2 mm lang; Narbe sitzend, 1 mm lang, kopfig. 

    Oberdiessbach (BE), 24.3.2025 (Blumenwanderer)

    Männliche Blüten, Pollenkörner gelb. Zihlkanal (NE), 23.2.2026 (Muriel Bendel)

    Männliche Blüten mit siebartig durchbrochenen Staubbeuteln. Cheseaux-Noréaz (VD), 11.3.2011 (Wolfgang Bischoff)

    Staubbeutel siebartig durchbrochen. Zihlkanal (NE), 5.3.2026 (Muriel Bendel)

    Weibliche, noch geschlossene Blüte; Fruchtknoten unterständig, grün. Zihlkanal (NE), 23.2.2026 (Muriel Bendel)

    Offene weibliche Blüten. Zihlkanal (NE), 5.3.2026 (Muriel Bendel)

    Cheseaux-Noréaz (VD), 11.3.2011 (Wolfgang Bischoff)

  • Früchte

    • Scheinbeeren kugelig, Durchmesser etwa 1 cm, einsamig; zuerst grün, zur Reifezeit weisslich bis hellgelblich, etwas durchscheinend. («Scheinbeere», da neben der Fruchtwand auch die Blütenachse an der Fruchtbildung beteiligt ist.)
    • Samen 5–6 mm lang, von einem weissen, zähen, schleimig klebrigen Fruchtfleisch umgeben.
    • Von der Blüte im Februar bis zur Reife der Beeren in der Adventszeit vergehen circa neun Monate.

    die Scheinbeeren sitzen an der verkürzten Hauptachse meist zu dreien beisammen. Buchholterberg (BE), 15.11.2025 (Blumenwanderer)

    Eröffnete Frucht mit der äusserst klebrigen Pulpa (Blumenwanderer)

    Marin-Epagnier (NE), 12.1.2025 (Muriel Bendel)

    Reife Frucht: In der Mitte die frühere Ansatzstelle der Narbe, rundherum vier Perigonblätter. Zihlkanal (NE), 23.2.2026 (Muriel Bendel)

    Auf Crataegus parasitierend. Gampelen (BE), 28.10.2025 (Muriel Bendel)

    Reifer, grüner Same. Zihlkanal (NE), 23.2.2026 (Muriel Bendel)

    Auf einem Apfelbaum angetrocknete Samenkerne mit gekeimten Embryonen. Buchholterberg (BE), 25.3.2026 (Blumenwanderer)

    Keimender Embryo. Buchholterberg (BE)), 25.3.2026 (Blumenwanderer)

Vegetative Merkmale

  • Wuchsform, Stängel

    • Immergrüner, holziger Halbstrauch, auf anderen Gehölzen parasitierend.
    • Stamm kurz und dick, Jahrringe undeutlich.
    • Rinde der Sprosse keine Korkschicht ausbildend, grün bleibend und deshalb jahrelang Photosynthese betreibend.
    • Zweige meist gabelig (dichotom) verzweigt, an den Knoten (Nodi) durch Furchen gegliedert, dort leicht abbrechend.
    • Häufig zu kugeligen, im Durchmesser bis zu gut 1 m breiten Büschen heranwachsend.
    • → Während sich die meisten Landpflanzen in der Wuchsform und -richtung an der Schwerkraft orientieren, fehlt den Misteln dieser Geotropismus, sie wachsen deshalb nach allen Richtungen, wenn es sein muss, auch nach unten.
    • Da die Mistel kein eigentliches Wurzelsystem ausbildet, braucht sie ein eigenes Organ (sog. Haustorien), um an die wasserführenden Gefässbündel ihres verholzten Wirtes zu gelangen.

    Buchholterberg (BE), 15.11.2025 (Blumenwanderer)

    Ein richtiger Hexenbesen von ca. 50 cm Durchmesser. Buchholterberg (BE), 15.11.2025 ( Blumenwanderer)

    Die Mistel hat auf Weisstanne parasitiert (Blumenwanderer)

    Fruchtende weibliche Pflanze von etwa 1 m Länge. Buchholterberg (BE), 15.11.2025 (Blumenwanderer)

    Männliche (rechts oben) und weibliche (links) Pflanzen nebeneinander wachsend. Oberdiessbach (BE), 13.3.2026 (Blumenwanderer)

    Zweig einer männlichen (links) und weiblichen (rechts) Pflanze. Oberdiessbach (BE), 13.3.2026 (Blumenwanderer)

    Im oberen Bereich einer Weisstanne an der hellgrünen Farbe gut erkennbar. Buchholterberg (BE), 9.2.2025 (Blumenwanderer)

    Buchholterberg (BE), 9.12.2025 (Blumenwanderer)

    Abgesägter Stamm der Mistel mit fast 20 Jahrringen. Buchholterberg (BE), 15.11.2025 (Blumenwanderer)

    Verwachsungsstelle der beiden Arten Viscum (oben heller und keilförmig) auf Abies unten (Blumenwanderer)

    Auf Esche parasitierend. Liesberg (BL), 25.11.2020 (Paul Hürlimann)

    Auf einer Föhre parasitierend. Leuk (VS), 12.12.2024 (Blumenwanderer)

    Auf Betula parasitierend. Gampelen (BE), 28.10.2025 (Muriel Bendel)

    Jucher (BE), 20.10.2024 (Muriel Bendel)

    Marin-Epagnier (NE), 12.1.2025 (Muriel Bendel)

    Typischer Mistelbefall. Cressier (NE), 20.1.2025 (Muriel Bendel)

  • Blätter

    • Blätter gegenständig, seltener zu 3–4 in einem Quirl angeordnet, sitzend.
    • Blattspreite kahl, bis 5 cm lang, länglich eiförmig, ganzrandig, dick, lederig und immergrün, häufig etwas gelblich.

    Am Boden im Moos neben einer Weisstanne liegende Blätter. Buchholterberg (BE), 9.12.2025 (Blumenwanderer)

    Die Pflanze wirft offenbar im Winter ältere Blätter ab. (Blumenwanderer)

    Blattoberseite mit Blattrand in Lupenaufnahme. (Blumenwanderer)

    Blattunterseite mit Spaltöffnungen in Lupenaufnahme. (Blumenwanderer)

    Zihlkanal (NE), 5.3.2026 (Muriel Bendel)

    Auf Crateagus parasitierend, Gampelen (BE), 28.10.2025 (Muriel Bendel)

  • Rinde

    • Grünbraun

    Die Glieder der Mistel-Äste (Blumenwanderer)

    Die Glieder lassen sich leicht abbrechen (Blumenwanderer)

    Zihlkanal (NE), 23.2.2026 (Muriel Bendel)

Lebensraum

Auf Ästen (und seltener am Stamm) von Laub-und Nadelbäumen schmarotzend. Von der Ebene bis in die Voralpen und Alpentäler.

Wissenswertes

Bestäubung
Die Mistel wird gelegentlich von Hummeln besucht. Wird es wärmer, gesellen sich Honigbienen dazu. Die grösste Bestäubungsleistung erfolgt aber durch Fliegen.

Ausbreitung
Das klebrige Fruchtfleisch, welches die Samen umgibt, ermöglicht die Ausbreitung durch Vögel (Endozoochorie). Für die Weisse Mistel sind die üblichen Verbreitervögel die Misteldrossel, die Mönchsgrasmücke und der gelegentliche Wintergast Seidenschwanz.

Parasitismus
Zu den Besonderheiten der Misteln zählt ihr spezifischer Anschluss an das Wasserleitungssystem der Wirtspflanze.  Die Weisse Mistel ist ein strauchartiger Halbschmarotzer auf den Ästen und gelegentlich Stämmen verschiedener Gehölze. Aus deren Holzteil, dem sogenannten Xylem, entzieht sie Wasser und darin gelöste Nährsalze. Wegen der dazu erforderlichen starken Transpiration fühlen sich die Blätter der Mistel kühl an, was als Verdunstungskälte gedeutet wird. Ob sie dabei dem Wirt auch Nährstoffe entzieht, wird im Moment noch kritisch diskutiert.
Da sich die Laubholzmistel als Wirtspflanze mehrjährige, verholzte Pflanzen ausgesucht hat, muss sie mit einer typischen Eigenschaft der Bäume und Sträucher leben: dem sekundären Dickenwachstum. Wenn das Haustorium der Mistel das Splintholz des Wirtes erreicht hat, hat sie guten Wasseranschluss lediglich für ein Jahr. Im Folgejahr legt das Wirtsgehölz einen neuen Jahresring an und der ist nun die neue «Wasserschicht» im Baum. Die Mistel muss daher, will sie nicht vertrocknen, aus dem alten Haustorium eine Abzweigung ins höher gelegene neue Leitungsbahnsystem etablieren.
Während die Nadelbäume auch im Winter Photosynthese betreiben und daher einen eingeschränkten Wasserhaushaltaufweisen, gehen Laubbäume in eine ausgedehnte Winterruhe, bei der der Wasserhaushalt auf ein Minimum zurückgefahren wird (Saftruhe). Die immergrüne Mistel sitzt also im Winterhalbjahr auf einer nur spärlich tropfenden Wasserleitung. Über Botenstoffe, die auch von der Wirtspflanze «verstanden» werden, reguliert die Mistel die Wasserzufuhr für ihren Pflanzkörper.

Verbreitung

  • Die wintermilden Regionen Südskandinaviens sowie Mittel- und Südeuropas. 
  • Verbreitungskarte auf POWO.

Systematik

Innerhalb der Weissen Mistel (Viscum album) werden mehrere Sippen unterschieden, die eine Bindung an unterschiedliche Wirtsbaumarten besitzen, sich ansonsten aber kaum durch äussere Merkmale unterscheiden lassen.
In der Schweiz wird Viscum album in folgende Unterarten getrennt:

  • Laubholz-Mistel (Viscum album subsp. album)
  • Tannen-Mistel (Viscum album subsp. abietis)
  • Föhren-Mistel (Viscum album subsp. austriacum)

Mögliche Verwechslungen

Die einzige weitere, auch in Mitteleuropa vorkommende «Mistel» ist die Eichenmistel (Loranthus europaeus). Sie wird heute aber zu einer anderen Familie (den Loranthaceae) gezählt, hat sommergrüne Blätter und gelbe Beeren. Sie fehlt in der Schweiz gänzlich. (Zudem kommt die Weisse Mistel nur äusserst selten auf Eichen vor).

Eine der häufigsten inhaltlichen Verwechslungen besteht mit der Echten Mispel (Mespilus germanica), obwohl sich die beiden Pflanzenarten weder im Habitus, noch in der Frucht und schon gar nicht in der Blüte ähneln.
Botanisch gesehen ist sie zudem ein Rosengewächs.

Weiterführende Literatur

Hess, H. E., et al. 1977: Flora der Schweiz, Band 1. Springer Verlag, S. 708-709

Illustrierte Flora von Mitteleuropa, «Hegi», 1981: Familie Loranthaceae. 3. Auflage, Band 3, Teil 1, S. 308–322

Thomas, P.A. et al. 2022: Biological Flora of Britain and Ireland: Viscum album. No. 303. Journal of Ecology, 111(3): 701–739

Zuber, D. 2004: Biological flora of Central Europe: Viscum album L. Flora, 199(3): 181–203

https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fbeerige_Mistel (Hervorragender Wikipedia-Artikel)

Schramayr, G. et al. 2012: Die Laubholzmistel (Viscum album ssp. album) – Eine Monografie des Vereines Naturbegleiter.
zobodat.at
(umfassender Aufsatz zu versch. Aspekten wie Gartenbau, Landwirtschaft, Mythologie, Etymologie, Kunst, Insekten, Pharmakologie etc.)

Autor*in: Muriel Bendel, Marc Henzi, Blumenwanderer
Stand: 23. Dezember 2025

Forum

Diskussionen der Community

Frucht Quiz

Wenn ich die weisse, reife Frucht öffne, denke ich unweigerlich an "Asterix bei den Schweizern" und an ein unsäglich Fäden ziehendes Fondue. 

Mit Asterix & seinen Galliern hat die gesuchte Art aber nur über einen entfernten Verwandten einen Bezug (die beiden zählen aktuell nicht mal zur selben Familie).

Speziell ist das Muster auf den < 1 cm breiten Früchten: In der Mitte die frühere Ansatzstelle der Narbe, rundherum vier Perigonblätter. 

Zurzeit blühen die männlichen Pflanzen (genau, die gesuchte Art ist zweihäusig).
Standort: Hauptsache luftig, oft nicht in Griffnähe.
Wer ist's?

Zihlkanal bei Marin-Epagnier (NE), 23.2.2026.

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Pick the low hanging flowers: Zihlkanal / Canal de la Thielle (NE)

Perfekt mit öV erreichbar (Haltestelle Zihlbrücke), kurzer Weg Richtung Südwesten zum Neuenburgersee, keine Höhenmeter – und Arten in Griffnähe, die sonst oft in luftiger Höhe blühen:
Auf dem in den Neuenburgersee führenden Abschnitt des Zihlkanals / Canal de la Thielle (NE) gibts u.a. weibliche und männliche Pflanzen der Weissen Mistel (Viscum album) auf Augenhöhe zu bestaunen.

Die Weisse Mistel (Viscum album) wächst hier v.a. auf der Silber-Weide (Salix alba), parasitiert aber auch auf der Sommer-Linde (Tilia platyphyllos), der Gemeinen Esche (Fraxinus excelsior) und Schwarz-Erle (Alnus glutinosa).

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