Morphologie

Generative Merkmale

  • Blüten

    • 2-zählige Blüten in endständigen traubigen Blütenständen mit kahlen Blütenstielen.
    • Kelchblätter je 2, kahl, rötlichweiss, weisshäutig berandet.
    • Kronblätter 2, weiss oder rötlich, tief zweiteilig, genagelt, bis 1,4 mm lang, etwa halb so lang wie die Kelchblätter.
    • Staubblätter 2, vor den Kelchblättern stehend.
    • Achsenbecher zur Blühzeit in einer engen Röhre über den Fruchtknoten hinaus fortgesetzt. Diese Verlängerung kürzer als der Fruchtknoten. 
    • Kein Diskus vorhanden. 

    Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

    Mit Blütenknospen. Herbligen (BE), 30.8.2025 (Blumenwanderer)

    Rüschegg (BE), 5.8.2019 (Wolfgang Bischoff)

    Rüschegg (BE), 5.8.2019 (Wolfgang Bischoff)

  • Früchte

    • 1- oder 2-samige, birnenförmig Nuss, mit Hakenborsten besetzt, ca. 2 mm lang.
    • Fruchtstiel bis 2-mal so lang wie die Frucht, abstehend oder zurückgeschlagen, kahl.

    Früchte mit Hakenborsten. Klöntalersee (GL), 16.7.2018 (Françoise Alsaker)

    Därstetten (BE), 2.8.2023 (Blumenwanderer)

    Früchte leicht abfallend. Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

Vegetative Merkmale

  • Wuchsform, Stängel

    • Ausdauernde, krautige Pflanze mit einer Wuchshöhe von 5–20 cm.
    • Mit dünnem Stängel, aufrecht oder bogig aufsteigend, meist nicht verzweigt, im unteren Teil völlig kahl, weiter oben mit Drüsenhaaren.
    • Wenige oberirdische Ausläufer vorhanden, die in den Achseln der untersten Laubblätter entspringen.
    • Mit kriechendem Rhizom, an dem schuppenförmige Niederblätter ausgebildet sind.
    • Knollige Verdickungen am Ende langer, unterirdischer Ausläufer.

    (Blumenwanderer)

    Truppweise auftretend. Därstetten (BE), 2.8.2023 (Blumenwanderer)

    Mit oberirdischen Ausläufern. (Blumenwanderer)

    Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

    Därstetten (BE), 2.8.2023 (Blumenwanderer)

    Därstetten (BE), 2.8.2023 (Blumenwanderer)

    Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

    Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

    Zusammen mit Veronica montana (Mitte) und Moehringia trinervia (rechts) wachsend. Herbligen (BE), 30.8.2025 (Blumenwanderer)

    Reutigen (BE), 12.7.2021 (Françoise Alsaker)

    Reutigen (BE), 12.7.2021 (Françoise Alsaker)

  • Blätter

    • Blätter gegenständig, gestielt.
    • Blattspreite breit lanzettlich, 1–3 cm lang, ungefähr so lang wie breit, am Grund deutlich herzförmig, mit entfernt stehenden Zähnen, mit nur vereinzelten Haaren, etwas glänzend.
    • Blattstiele oft länger als die Spreite, kahl (oder nur auf der Oberseite behaart), leicht geflügelt.
    • Tragblätter am Grunde der Blüten- bzw. Knospenstiele hinfällig.

    Därstetten (BE), 10.7.2025 (Blumenwanederer)

    Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

    Blätter am Grunde herzförmig. Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

    Klöntalersee (GL), 16.7.2018 (Françoise Alsaker)

    Klöntalersee (GL), 16.7.2018 (Françoise Alsaker)

    Wachseldorn (BE), 29.6.2025 (Muriel Bendel)

Lebensraum

  • Montan bis subalpin (selten kollin). Feuchte, kalkarme, humose Böden in schattiger Lage mit hoher Luftfeuchtigkeit, besonders in Schlucht- oder Auenwäldern.

    Überrieselte Wegböschung. Därstetten (BE), 2.8.2023 (Blumenwanderer)

    Forstweg. Pohlern (BE), 29.7.2025 (Blumenwanderer)

    Unscheinbar im Unterwuchs und zum Teil unter Farnwedeln verborgen. Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

    Am Rande eines Waldweges mit Staunässe. Fahrni (BE), 17.8.2025 (Blumenwanderer)

Verbreitung

Circumpolar in den gemässigten Klimazonen der nördlichen Hemisphäre. Das Alpen-Hexenkraut kommt entgegen seinem Namen also auch ausserhalb der Alpen vor!

Verbreitungskarte auf Kew: Plants of the World Online.

Wissenswertes

  • Das Alpen-Hexenkraut hatte früher eine ethnobotanische Bedeutung als Zauberpflanze. Es wurde vor allem als psychoaktives Aphrodisiakum genutzt. Der Name der Gattung Circaea leitet sich von der griechischen Zauberin Circe ab, was auf eine „bezirzende“ oder fesselnde Wirkung auf Menschen hinweist.
  • Die unterirdischen Ausläufer mit knolliger Verdickung am Ende werden als Hibernakel bezeichnet. Durch sie bildet es oft kleine, aber dichte Bestände. Zitat Hegi (1926): „Die Knöllchen .... werden erst im Spätsommer oder Herbst angelegt und bleiben allein über den Winter erhalten, während die übrige Pflanze samt den fadenförmigen Teilen der Ausläufer dann abstirbt. Sie besitzen nach Kerner bis zum Frühling, wo aus ihnen neue belaubte Stengel ans Tageslicht emporspriessen, keine Wurzeln.....“ (Bd. V,2 S. 876).
  • Hegi (1926) erwähnt ebenso, dass spontane Selbstbestäubung möglich sei, indem sich gegen Ende der Blütezeit sich ein oder beide Staubbeutel an die Narbe anlegen (nach Kerner, Bd. V, 2 S. 876).
  • Die Früchte bleiben durch Klettwirkung an Tieren haften, d.h. die Verbreitung erfolgt wohl grossenteils epizoisch durch vorbeistreichende Tiere.

Systematik & Taxonomie

Die Abgrenzung zur Hybride Circaea × intermedia erweist sich im Feld als sehr knifflig.

Mögliche Verwechslung

  • Das Grosse Hexenkraut (Circaea lutetiana) hat

    • eine grössere Wuchshöhe von bis zu 70 cm.
    • 4–10 cm lange, am Grunde abgerundete, matte Blattspreiten.
    • ringsum behaarte Blattstiele.
    • oft einen verzweigten Blütenstand mit drüsigen Blütenstielen.
    • keine Tragblätter an den Blütenstielen.
    • eine bis 4 mm lange Frucht.

    Beide Arten nebeneinander wachsend. Wachseldorn (BE), 29.6.2025 (Muriel Bendel)

Weiterführende Literatur

Autor*in: Blumenwanderer
Stand: 28. April 2026

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Circaea ×intermedia - ein Versuch

Rein habituell lassen sich Circaea lutetiana und Circaea alpina problemlos unterscheiden. Bei Circaea ×intermedia kann dies aber nicht behauptet werden, da die Pflanze als Naturhybride morphologisch fast lückenlos zwischen den beiden Elternarten vermittelt: Das Erscheinungsbild von Circaea ×intermedia ist daher sehr variabel. 

Was das heisst, erlebte ich kürzlich an feucht-schattiger Stelle in einer Schlucht, als ich auf eine Kolonie von relativ grosswüchsigen Hexenkräutern stiess, die man a prima vista für Mastexemplare von C. alpina halten könnte. Aber wirklich passten sie weder ins Schema, das ich von dieser Art bisher habe, noch zu Circaea lutetiana. Also konzentrierte ich mich auf die Lupen-Merkmale, was sich aber als knifflig erwies, denn…

  • „Blattstiel kahl oder nur oberseits behaart“ hat auch C. alpina.
  • „Stiele der Blütenknospen mit borstenförmigen, hinfälligen Deckblättern“ hat auch C. alpina.
  • „Früchte ca. 2 mm lang und 1 mm dick“ hat auch C. alpina.
  • "Stängel unten kahl oder behaart“ sagt nicht viel aus. Dass er aber „10-40 cm hoch“ sein soll, unterscheidet die Art von C. alpina, die nur „5-20 cm hoch“ wird.
  • „Blätter schwach bis deutlich herzförmig, 2-7 cm lang, geschweift-gezähnt, schwach glänzend“ könnte jedoch ein valableres Unterscheidungsmerkmal sein, da bei C. alpina steht: „Blätter 1-5 cm lang, am Grund deutlich herzförmig und länger gezähnt, dünn und glänzend“.
    (Merkmal-Zitate nach Flora Helvetica)

Ich habe hier stillschweigend vorausgesetzt, dass für mich die Verwechslungsart nicht C. lutetiana ist, wie die FH suggeriert, sondern C. alpina. Da ich letztere sehr gut kenne, wurde ich wie erwähnt, bei den unten gezeigten Exemplaren stutzig. Ich fasse sie trotz allem Interpretationsspielraum als Circaea ×intermedia auf. Weshalb?

  • Die Lupen-Merkmale sind durchgängig erfüllt (was an sich, wie dargelegt, noch nichts beweist).
  • Die Blattspreiten weisen eine Länge von bis zu 7 cm auf, was ich bei C. alpina noch nie beobachtet habe.
  • Die Wuchshöhe beträgt ca. 20 cm, was ich so bei C. alpina bisher auch nicht gesehen habe.

Das wohl sicherste Merkmal sah ich leider nicht: den Fruchtansatz bzw. dessen Fehlen! Da die Hybride steril ist und sich vegetativ vermehrt, fallen die tauben, hakenborstigen Früchte fast immer vorzeitig ab. Findet man also im Hochsommer an den unteren Etagen des Blütenstands nur leere, nackte Fruchtstiele ohne verdickte Früchte, ist dies wohl der beste Beweis für Circaea ×intermedia.

Ob dieser Indizienbeweis hinreicht oder es doch eine Genom-Analyse bräuchte?

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