Morphologie

Generative Merkmale

  • Blüten

    • Blüten gestielt, meist zu 2 angeordnet (Dolde 2-blütig, selten 4-blütig), nickend, angenehm duftend.
    • Blütenstiele abstehend drüsig behaart.
    • Kelchblätter 5, grün oder rötlich, schmal lanzettlich, abstehend behaart.
    • Kronblätter 5, 6–10 mm lang, trichterförmig verwachsen; weisslich bis hellrosa, auf der Innenseite mit dunkleren Nerven, manchmal dunkelrosa; Aussenseite kahl, Innenseite vor allem in der unteren Hälfte ± bärtig.
    • Staubblätter 4, in der Kronröhre angewachsen.
    • Fruchtknoten unterständig.
    • Griffel 1, Narbe kopfig.

    Val Trupchun (GR), 4.8.2016 (Muriel Bendel)

    Valsot (GR), 28.6.2023 (simoncrameri)

    Val Trupchun (GR), 4.8.2016 (Muriel Bendel)

    Val Trupchun (GR), 4.8.2016 (Muriel Bendel)

    Innenseite der Kronblätter bärtig, Blütenstiel drüsig behaart. Anniviers (VS), 2.7.2026 (Paul Hürlimann)

    Blüten zuweilen auch zu dritt am Stiel. Anniviers (VS), 2.7.2026 (Blumenwanderer)

  • Früchte

    • 1-samige, kurz behaarte, eiförmige Nuss.
    • Aussenkelchblätter mit abstehenden Drüsenhaaren, Drüsenköpfchen dunkel; die Früchte ± umfassend.
      → Kleb- und Klettausbreitung.

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Reife Frucht, von den drüsigen Aussenkelchblättern eingefasst. Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

Vegetative Merkmale

  • Wuchsform, Stängel

    • Pflanze ausdauernd; 5–10(–15) cm hoch.
    • Stängel kriechend, zerstreut und kurz behaart, ca. 1 mm dick; Blühtriebe aufrecht, mit Drüsenhaaren.

    Val Trupchun (GR), 4.8.2016 (Muriel Bendel)

    Val Trupchun (GR), 4.8.2016 (Muriel Bendel)

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

  • Blätter

    • Blätter gegenständig, gestielt, ohne Nebenblätter; wintergrün.
    • Blattstiel kurz, meist bewimpert.
    • Blattspreite rundlich, entfernt gesägt, Oberseite fast kahl oder mit zerstreuten Borstenhaaren, Unterseite kahl oder auf dem Mittelnerv mit Borstenhaaren.

    Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Blattunterseite. Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Blattoberseite. Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

    Blätter gegenständig. Preda (GR), 4.10.2025 (Muriel Bendel)

Lebensraum

  • Auf sauren Böden in halbschattigen Lagen; in moosigen Nadelwäldern.

    Halbschattig neben einem Bergbach. Anniviers (VS), 2.7.2026 (Blumenwanderer)

    Auf moosüberwachsenem Blockschutt. Anniviers (VS), 2.7.2026 (Blumenwanderer)

    Mit Homogyne alpina zusammen wachsend. Anniviers (VS), 2.7.2026 (Paul Hürlimann)

Verbreitung

Eurosibirisch-nordamerikanisch, Uganda (Ruwenzori).

Verbreitungskarte auf POWO.

Wissenswertes

  • Der schwedische Naturforscher Carl von Linné entdeckte das Moosglöckchen (Linnaea borealis) 1732 auf seiner berühmten Forschungsreise durch Lappland und war sofort davon fasziniert. Da es unüblich ist, Pflanzen nach sich selbst zu benennen, bat er seinen engen Freund und Gönner, den niederländischen Botaniker Jan Frederik Gronovius, die Namensgebung zu übernehmen. Gronovius widmete die Gattung Linnaea offiziell seinem Freund. Der Artname borealis bedeutet schlicht „nördlich“ und verweist auf das circumpolare Hauptverbreitungsgebiet der Pflanze.
  • Interessanterweise sah Linné in der kleinen, unaufdringlichen Pflanze eine Metapher für sein eigenes Leben! Er beschrieb sie mit den Worten: „... eine Pflanze in Lappland, niedrig, unbedeutend, missachtet, die nur kurze Zeit blüht – benannt nach Linnaeus, der ihr gleicht.“ Im unauffälligen Wuchs, der demütig-nickenden Blütenhaltung und im genügsamen Standort sah Linné offenbar eine Analogie zu seinem eigenen, anfangs einfachen Leben.
  • Auch wenn er das vielleicht mit einem Augenzwinkern schrieb, ist doch klar, dass das Moosglöckchen seine erklärte Lieblingspflanze war. Auf fast allen historischen Gemälden und Porträts hält er ein Exemplar des Moosglöckchens in der Hand. Als er 1757 vom schwedischen König in den Adelsstand erhoben wurde und den Namen Carl von Linné annahm, liess er das Moosglöckchen sogar als zentrales Element in sein offizielles Adelswappen integrieren!

Weiterführende Literatur

Muller S., et al. 2019: La Linnée boréale (Linnaea borealis L.) dans le Parc national de la Vanoise : distribution, variabilité génétique, biologie de la reproduction, écologie et état de conservation. Naturae 2019 (3): 81–105.
http://revue-naturae.fr/2019/3

Autor*in: Muriel Bendel
Stand: 24. Oktober 2025

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Diskussionen der Community

Frucht Quiz

Die klebrigen, rundlichen Früchte (genau genommen: die Aussenkelchblätter) dieser kleinen, feinen Art werden gemäss "Hegi" (Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band VI, Teil 2A, 2. Auflage 2008) vermutlich von Vögeln ausgebreitet:

"Aussenkelch, ... dieser ist mit Drüsenhaaren besetzt, deren Sekrete bis drei Jahre ihre Klebrigkeit behalten sollen und die epizoochore Verbreitung (wohl durch Vögel) begünstigen. Die Verbreitung kann ab Ende Juli bis zum Einschneien erfolgen."

Ganz sicher bin ich mir bei dieser Theorie nicht... ich hab bei der Grösse der Pflanzen (meist nur 5–10 cm hoch) und beim Lebensraum (Misch- oder Nadelwälder) nicht zuerst an gefiederte Zweibeiner, sondern eher an kleine, haarige Vierbeiner gedacht, die unfreiwillig oder zumindest unbeabsichtigt für die Ausbreitung der schmucken Art zuständig sind. 

Von welcher Pflanzenart ist die Rede?

Und sobald das Rätsel gelöst ist: Wer wüsste Genaueres zur Ausbreitung dieser Art; hat die Hegi-Vogel-Theorie doch etwas an sich?

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